Sonntagspredigt

vom 22. März 2020

Hier die Predigt anhören!
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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Ausgerechnet Lätare – Freut euch! Der erste Sonntag, an dem landesweit keine Gottesdienste in unseren Kirchen gefeiert werden können. Wir dürfen uns dort nicht versammeln, um zu beten, zu singen, Gottes Wort zu hören. Diese Einschränkung gab es in unserer Republik noch nie. Ausgerechnet am Sonntag Lätare – Freut euch!

Von Freude ist in diesen Tagen ja nun wirklich wenig zu spüren. Die Verantwortlichen sind in nie gekannter Aufregung und Sorge. Menschen sind verunsichert, Ängste machen sich breit; bei manchem auch so eine Art trotzige Gleichgültigkeit.

Im Internet die üblichen Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten, in den alt hergebrachten Medien eine Extra-Sonder-Sendung nach der anderen. Einige werden schon aggressiv aus lauter Angst um sich selbst. Wer hätte gedacht, dass sich im reichen Deutschland die Leute buchstäblich um Mehl prügeln?

Immer mehr Menschen aber zeigen ihren Willen, ihre Bereitschaft, ihren Einfallsreichtum und ihren Einsatz, für andere da zu sein, zusammen zu halten, gemeinsam Kraft und Hoffnung zu schöpfen – jetzt erst recht! Das tut gut!

Und in so manchem Haus wird wohl der eine oder die andere auch ein Gebet sprechen. Auch wenn es schon lange her sein mag, dass er oder sie das getan hat. Vielleicht nur nebenbei, so als aufblitzende Erinnerung, dass da ja noch was sein könnte, was hilft. Vielleicht auch in der fremd gewordenen Übung, die Hände zu falten.

Obwohl das Beten – meist als Gute-Nacht-Gebet – verbreiteter ist, als man denkt, reden Menschen nicht gern darüber. Im Radio, TV oder in den Zeitungen habe ich noch wenig gesehen, gehört oder gelesen, dass Beten helfen würde. Der Fußball-Bundestrainer hat auf etwas ungelenke Art zu Bedenken gegeben, dass höhere Mächte hinter all dem stecken könnten, was uns nun so zu schaffen macht – und gleich dafür viel Spott geerntet. Vielleicht fürchten ja die ungeübten Beter unter uns Ähnliches, wenn sie über ihr Bedürfnis offen redeten, in diesen Tagen ein Gebet zu sprechen zu wollen.

So werden wohl in den nächsten Tagen und Wochen viele Gebete für sich bleiben, leise, daheim und – ganz allein. „Natürlich allein“, werden Sie jetzt sagen. „Wir sind ja schließlich alle allein zu Haus!“ Aber dennoch: Jesus ermutigt uns zwar „im stillen Kämmerlein“ zu beten, aber das Gebet, wenn es allein bleibt, wird weder Kraft noch Hoffnung, weder Trost noch Zuversicht bringen. Nicht zufällig redet der schon erwähnte Fußball-Lehrer ganz diffus von „höheren Mächten“. Nicht zufällig wird manches Gebet beginnen: „Gott, wenn es dich gibt!“

Unser Gebet, und wird es auch allein gebetet, braucht aber die Gewissheit, zu wem es gesprochen ist. Nicht zu irgendeinem Gott. Nicht zu dem Gott, den ich mir wünsche. Nicht zu einem höheren Wesen. Wer nichts von unserem Gott hört, wird auch nicht zu ihm reden können. Aber wer um Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde weiß, wer gewiss ist, dass Jesus Christus Gottes einer Sohn ist und um den Heiligen Geist betet, dies zu bekennen und zu glauben, dessen Gebet weiß sich getragen von vielen hundert anderen Gebeten, die genau so in seinem Namen gesprochen werden. Der weiß sich geborgen in der Zuversicht aller, die sich an diesen einen Gott wenden, an Christus, ihn im Geist anbeten. Denn dieser Gott ist allein der, der helfen kann, ja der retten kann. Viel mehr noch: Er hat es längst getan.

Deshalb müssen wir von diesem Gott erzählen, immer wieder und nicht damit aufhören. Damit die Menschen ihn kennen, um ihn wissen und sich nicht verlieren in hilflosen Gebeten an irgendwelche Mächte, die doch nicht helfen können. Die Hoffnung auf den einen Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist zu setzen, öffnet aber Leben und Zukunft. Weil wir von ihm gehört haben, weil wir gesehen haben, was er schon an uns tat.

Deshalb setzte schon damals Paulus sein ganzes Leben dafür ein, von diesem Gott zu erzählen, unverwechselbar und einzigartig. Als er einmal auf einer seiner vielen Reisen über das Mittelmeer in Seenot geriet, war er sicher, sterben zu müssen – jetzt! Aber er entrann dem Tod – wie, wissen wir nicht. Den Dank an Gott dafür aber behielt er nicht für sich, faltete nicht still die Hände zu Haus. Nein, er schrieb Briefe darüber, erzählte es aller Welt auf alle Weise, was Gott Großes an ihm getan hat. An die Gemeinde in Korinth klingt das in seinem zweiten Brief an sie so:

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil; werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.“ (2. Kor 1, 3-7)

Trost, Trost und nochmal Trost. Paulus kriegt sich gar nicht mehr ein, den Christen in Korinth von Trost zu erzählen. Er hat Rettung durch Christus erfahren. Und wir staunen: Paulus ist überzeugt, es ging dabei nicht um ihn. Es ging darum, dass alle Welt es wissen sollte: Christus rettet. Hört doch, wie ich gerettet wurde. Wenn das kein Trost für euch ist! Ihr habt gerade eine schwere Zeit durchgemacht, schreibt er, euch ging es nicht gut und noch immer ist nicht alles in Ordnung. Aber lasst euch doch trösten, weil ich getröstet, ja gerettet wurde. So hört Paulus nicht auf, den Korinthern von Christus eindringlich und begeistert zu erzählen.

Auf den ersten Blick ist das vielleicht für uns fremd: „Wenn ein anderer Rettung erfuhr, was hilft es mir?“ mag da mancher fragen. Nur weil vor 2000 Jahren ein Paulus aus Seenot gerettet wurde, mache ich mir doch nicht weniger Sorgen um eine unbekannte Krankheit heute.

Weniger Sorgen nicht! Aber bestimmt weniger Angst. Denn es ist doch der gleiche Gott, zu dem wir heute beten, wie damals Paulus es tat. Dieser Gott hat schon einmal gerettet, viele tausend mal sogar. Er hat die Macht, die Kraft und den Willen dazu. Er wird es wieder tun.

Bekennen wir uns zu diesem einen Gott. Beten wir zu ihm und seien wir gewiss, dass Christus selbst uns hört. Mehr noch: Er selbst spricht das Gebet für uns. Es ist der Geist Gottes, der uns im Gebet vertritt, sagt Paulus an anderer Stelle. Kein Gebet ist allein gesprochen, weil Christus es für mich spricht, für uns und mit uns allen.

Wissen wir auch nicht, was wir beten sollen: Christus ist bei uns, in aller Not in allen Ängsten, die auch er durchgemacht hat, auf seinem Weg durch Leid ans Kreuz. Er weiß längst um unsere Angst und Unsicherheit, ja hat sie am eigenen Leib gespürt. Er ist uns so nah, natürlich hat er uns längst gehört.

Beten wir zu ihm, dem einen. Wir können es, weil wir die hören, die wie Paulus in wunderbarer Weise erzählten, was für ein großer, mächtiger Gott er ist. Er wird das Leben erhalten. Wie er es in der Geschichte mit uns Menschen schon immer tat, sogar durch den Tod hindurch. Sind wir gewiss, zu ihm zu beten, sind wir gewiss, miteinander verbunden zu sein, untereinander, gemeinsam, mit ihm – und haben Hoffnung, die niemand uns nehmen kann. Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Gebet

Gott, du Helfer in aller Not,

lass uns deine Hilfe erfahren.

Stärke uns durch dein Wort,

dass wir diese schwere Zeit ertragen

und Trost und Kraft finden – einander und

durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

Lied: Evangelisches Gesangbuch, Lied 302, Strophen 3+5

 

Sonntag Lätare

22. März 2020

Pfarrer Bodo Meier

© 2020 Evangelische Kirchengemeinde Herscheid