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Onlinepredigt - 28. Februar

Eine Predigt von Prädikant Thorsten Kohlen.


Online-Predigt zum – 28. Februar 2021


Lieder zum Anhören, Genießen und Mitsingen:


Evangelisches Gesangbuch 94: Das Kreuz ist aufgerichtet


Evangelisches Gesangbuch 96: Du schöner Lebensbaum des Paradises


Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Liebe Gemeinde!


Ganz Gallien ist besetzt. Ganz Gallien?

Und jeder weiß wovon ich spreche.

Aber auch die Schlussszene ist immer das gleiche Bild. Am Ende eines langen Abenteuers wird ausgelassen gefeiert in dem gallischen Dorf. Wildschweine werden gebraten, es fließt reichlich Servisa, das Feuer brennt. Nur einer darf da nicht mitmachen. Troubadix, der Barde, der so gern gesungen hätte. Wie immer wird er gefesselt und geknebelt, bevor er auch nur daran denken kann zu singen. Dazu die Worte: „Nein, du wirst nicht singen!“ Troubadix, er nervt seine Mitbewohner mit seinen Liedern, denn sie halten ihn nicht für sehr begabt und wollen ihre Ruhe vor ihm haben. So ist es wie immer: das Dorf feiert, während der Barde abseits liegt und seinen Mund nicht aufmachen darf.


Wahrscheinlich hätten die Menschen in Jerusalem vor über 2700 Jahren das auch gerne mit Jesaja gemacht. Ihn einfach gefesselt und geknebelt, um nicht zu hören, was er singt. Sie hatten wohl keine Ahnung, wie sehr sie sein Lied treffen würde, als er anfing zu singen. Jesaja war kein Sänger. Er war Prophet. Ins Herz getroffen hat er die Menschen trotzdem.


Mitten im Getümmel eines Herbstfestes in Jerusalem trat Jesaja hervor mit seinem Lied. Im ausgelassenen Treiben der Menschen, die die Ernte feierten. Das war eine willkommene Abwechslung, zumal Jesaja ein Liebeslied ankündigte. Keiner kam auf die Idee, ihm den Mund zu verbieten. So fing Jesaja an vom Weinberg zu singen.


Wer damals von einem Weinberg sang, der meinte damit die Geliebte. So wuchs die Spannung unter den Zuhörern, als Jesaja sein Weinberglied begann, dem heutigen Predigttext:


"Wohlan ich will meinem Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte ...“


Ein wunderbares Liebeslied, das Jesaja da singt. Voller Hoffnung und Hingabe arbeitet sein Freund an dem Weinberg. Liebevoll gräbt er um, sucht die Steine auf und pflanzt die besten Reben. Wir können uns denken, wie viel Arbeit das in einem kargen Land gemacht hat!


Alles ist fertig für die Ernte, der Wachturm, in dem die Erntearbeiter übernachten ist gebaut, eine Kelter gegraben. Jeder, der damals zugehört hat und der das heute hört, wird sagen: " Hervorragende Arbeit. Mehr kann man nach menschlichem Ermessen nicht tun, um eine gute Ernte zu haben."


Alles getan für eine gute Beziehung zu dem Geliebten oder der Geliebten. Die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft, sich auf den anderen eingelassen, alles getan, damit es ihm oder ihr gut geht. Nun kann sich etwas entwickeln. Was zu tun war, ist getan.


"Der Freund wartete darauf, dass der Weinberg gute Trauben brachte; aber er brachte schlechte.“


Ohne jeden erkennbaren Grund bleibt der Weinberg unfruchtbar, bleibt die liebevolle Arbeit ohne Antwort, bleibt die Hingabe ohne Lohn. So kurz und knapp das in dem Lied beschrieben wird, so viel Enttäuschung liegt in den Worten!


Manche der Zuhörer werden schon geahnt haben: dieses Lied wird irgendwie jetzt unbequem. Alles schaut nach einen erfolgreichen Weg der Ernte aus. Und dann so etwas. Statt Liebe Gleichgültigkeit, statt liebevoller Antwort ein böser Blick, statt die ausgestreckte Hand zu ergreifen folgt die Kriegserklärung. Wie aus heiterem Himmel dreht sich die Stimmung.


Jesaja singt weiter:


"Nun richtet ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?"



Da spricht auf einmal nicht mehr der Prophet, sondern sein Freund, und spätestens jetzt ist klar: dieser Freund ist Gott, sein Weinberg niemand anderes als sein geliebtes Volk Israel. Den Zuhörern stockt der Atem...


Denn jede der Fragen ist wie ein Stich ins Herz! Was sollte Gott mehr tun an seinem Volk als das, was er schon getan hat? Warum folgt aus all den Taten Gottes nicht eine Frucht unter seinem Volk?


Gottes Erwartungen an sein altes Bundesvolk Israel sind bitter enttäuscht worden. Was hatte er nicht alles in dieses Volk hinein­gesteckt an Liebe, Geduld und großen Taten! Er hatte die Väter Abraham, Isaak und Jakob gesegnet und behütet. Er hatte durch Josef dafür gesorgt, dass Jakobs Familie in der Zeit der Hungersnot in Ägypten überleben konnte. Er hatte die Israeliten aus der Zwangs­arbeit in Ägypten befreit. Er hatte mit ihnen am Berg Sinai seinen heiligen Bund geschlossen und ihnen durch Mose das Gesetz gegeben. Er hatte sie vierzig Jahre lang in der Wüste geführt, hatte sie dabei täglich gespeist und versorgt. Er hatte ihnen das Land Kanaan zum Besitz gegeben. Er hat ihnen Richter und Könige als großartige Führungs­personen geschenkt. Er hatte sie un­glaubliche Wunder erleben lassen. Aber die erwartete Frucht war aus­geblieben: Ein Leben in Gottes­furcht und Gesetzes­treue, ein Leben in Wahrhaftig­keit und Nächsten­liebe führten die aller­meisten Israeliten nicht. „Er wartete darauf, dass der Weinberg gute Trauben brächte, aber er brachte schlechte.“


Und nun zeigt Jesaja mit ganzen Härte auf, was mit dem Weinberg geschieht, der nur schlechte Früchte hervorbringt:


"Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit dem Weinberg tun will. Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, das sie nicht darauf regnen ... „



Drastisch! Und das Ende einer Hoffnung! Man spürt den ganzen Schmerz und die bittere Enttäuschung, die aus diesen Worten sprechen. Es fing alles so verheißungsvoll an. Da war eine große Liebe, die die Kraft gab zur Arbeit am Weinberg. Doch nun stellt sich heraus: alles umsonst. Bald wird nichts mehr auf den Weinberg hindeuten; die Stelle, wo er war wird sein wie das öde Land ringsherum. Alles vergeblich, alles umsonst.


Eine Erfahrung, die wir nachvollziehen können. Manch guter Anfang nimmt ein ähnlich schlimmes Ende wie der Weinberg.

Manches Leben, voller Hoffnung begonnen, gehegt und gepflegt, geliebt und versorgt endet einsam und verlassen. Wie viele Beziehungen zwischen Liebenden, von beiden einst mit viel Hingabe und Hoffnung begonnen, verliert sich im Laufe der Zeit im Gestrüpp des Alltags und lässt statt Zuneigung nur Dornen und Disteln wachsen.


Wie oft wird auch in unserer Kirchengemeinde aus einem vielversprechenden Anfang, einem Aufbruch ins Neue etwas Erstarrtes und Festgefahrenes. Es ist dieses schreckliche Gefühl, dass alles vergebens und umsonst ist.


Bis jetzt singt das Lied nur indirekt von Gott. Doch alle, die zuhören haben das sofort verstanden: ich bin Teil dieses Weinbergs und so fasst Jesaja zusammen:


"Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit...“



Ach, hätten sie ihn doch nur früh genug geknebelt und gefesselt, diesen Jesaja den Troubadix.


Aber jetzt ist es zu spät. Das Fest verdorben. Jesaja singt kein schönes Lied. Heilsam ist es trotzdem.


Denn so alt es ist, so viel sich geändert haben mag im Laufe von fast 3000 Jahren: dieses Lied trifft bis heute genau den Kern unseres Verhältnisses zu Gott. Aber es spricht so viel Schmerz und Trauer aus diesen Worten, dass darin auch klar wird: Gott liegt nichts daran, dass seine Geschöpfe bestraft werden. Er leidet mit

seinem Volk. Die Pflanzung, an der sein Herz hängt, das sind wir. Der Weinberg, der so viel Mühe und liebevolle Pflege erfährt, das sind auch wir. Wir sind aufgefordert, diese Pflege, dieses Sich-Mühen Gottes in unserem Leben und unter uns zu entdecken.


Gott stellt uns seine Fragen und kehrt damit all unsere Fragen an ihn um. Warum bringt ihr keine Frucht? Warum nennt ihr euch Christen und lasst es unter euch nicht anders zugehen als woanders auch? Warum seht ihr nicht, wie sehr ich euch entgegen komme und eurem Leben festen Halt geben will?


Zum Glück gibt es ein Aber.


Aber Gottes Geschichte mit seinem Weinberg endete nicht so, wie in dem Lied beschrieben. Jesus hat das Bild vom Weinberg aufgegriffen in seinem Gleichnis von den bösen Weingärtnern in Markus 12. Es klingt fast wie die wörtliche Weiterführung..Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes..


Am Ende bleibt der Weinberg verschont, den Schmerz und die Qual des Liebenden trägt Jesus, damit dieser Weinberg bestehen bleibt. So wird Umkehr ermöglicht zu einem Gott, der an uns Menschen leidet, weil er uns so unendlich liebt.


Das schonungslose Lied vom Weinberg ermöglicht einen Anfang dieser Umkehr zu Gott. Am Kreuz nimmt Gott selber das auf sich, was zur Zerstörung des Weinbergs hätte führen sollen. Er leidet selber an den Ungerechtigkeiten dieser heillosen Welt. Er leidet darunter, dass er mit viel Liebe und Mühe seinen Weinberg hergerichtet hat und die Menschen daraus nichts machen. Ob in der großen Politik, mit den schrecklichen Waffen, die Menschen gegeneinander richten oder dem Unvermögen, Frieden zu bewahren. Oder auch in den kleinen Alltagserfahrungen, die oft genug von Lieblosigkeit und auch Verachtung geprägt sind, wo Menschen so häufig nur an den eigenen Vorteil denken und nicht fähig sind, ihre Mitmenschen im Blick zu haben.


Da war so viel Liebe auf Gottes Seite und er bekommt den Hass zu spüren, in jeder Feindschaft zwischen Menschen, in jeder Ausgrenzung und Überheblichkeit, in jeder Zerstörung der Umwelt und allem Gewinnstreben.

Auch enttäuschte Liebe, ist Liebe.

Im Weinberglied singt einer, der zutiefst enttäuscht wurde...


Gottes Strafurteil ist nicht sein letztes Wort über sein Volk Israel und über die ganze Menschheit. Sein letztes Wort hat Gott mit Jesus Christus gesprochen. Wir wissen: Der Gottessohn, der das Weinberg-Gleichnis in der verschärften Form erzählt hat, der hat zugleich auch diesen Ausweg eröffnet. Einen Ausweg, der ihn selbst teuer zu stehen kam: Er ist für die Sünden der Welt ans Kreuz gegangen. Nochmal: den Schmerz und die Qual des Liebenden trägt Jesus, damit dieser Weinberg bestehen bleibt. Und er hat damit allen, die sich bekehren und an ihn glauben, den Weg zur Versöhnung mit Gott eröffnet.


Darum ist das ein hartes, aber ein gutes und heilsames Lied, das Jesaja da vom Weinberg singt. Es trifft in unser Herz, weil es uns Einblick gewährt in Gottes Herz, in sein Leid an uns Menschen. Wir werden geliebt von diesem Gott. Das ist gut zu wissen und wichtig zu bewahren. Diese Liebe ist zerbrechlich wie jede andere. Sie kann enttäuscht werden. Doch Gott hat es noch nicht aufgegeben mit uns. Der Weinberg steht uns offen.