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Der Tod ist woanders, das Leben ist hier. Kommt doch her!

Eine Predigt von Pfarrer Bodo Meier.



Online-Predigt zum zweiten Sonntag nach Trinitatis – 21. Juni 2020



Lieder zum Anhören, Genießen und Mitsingen:


Evangelisches Gesangbuch 420: Brich mit den Hungrigen dein Brot

Link: https://www.apostel.net/lied-brich-mit-den-hungrigen-dein-b



Evangelisches Gesangbuch 225: Komm, sag es allen weiter

Link: https://www.apostel.net/lied-komm-sag-es-allen-weiter



Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.


Johannes hatte den Bogen überspannt. Er war zu weit gegangen. Jetzt saß er im Gefängnis. Dabei schien ihn nichts aufzuhalten. Er predigte am Jordan, sprach laut aus, was andere sich nicht zu flüstern trauten. Er nannte Unrecht Unrecht. Keine Macht der Welt konnte ihn einschüchtern. Im Gegenteil: Er zeigte mit den Fingern auf die, die allen alles nahmen, nur weil sie es konnten. Das Volk lief in Scharen zu ihm, wollte ihn hören, seine kraftvollen Worte, die gut taten, weil endlich einer wieder von Gott sprach, wie es die alten Propheten taten: Ein Gott, der sich nicht verbiegen lässt. Kein Gott, der schon mal drüber weg sieht.


Die Menschen staunten über die Rede des Johannes – und sie staunten über diesen Prediger. Ein wenig unheimlich war er schon. Er sah herunter gekommen aus – nur mit einem verlausten Fell bekleidet. Er scherte sich nicht um sich selbst. Ihm ging es darum, die Dinge zu benennen, wie sie wirklich waren. Denn mitnichten drohte er nur den Mächtigen, Fürsten und Königen, wie sie ihre Macht willkürlich missbrauchten. Auf jeden zeigte dieser Johannes und rief auch dem einfachsten Mann zu: „Fang dein Leben von vorne an. Du bist doch auch verstrickt in Lebenslügen, mit denen du dir und anderen was vormachst und in Todesfallen, die du dir und anderen stellst.“


Doch all diese Drohungen, dem Zorn Gottes gleich, hielten die Menschen nicht ab. Sie hörten ihn gern. Sogar der König, wenn auch nur heimlich. Denn wie gern würde auch der König neu anfangen, alles hinter sich lassen und den Zwängen des Hofes und den Intrigen seiner eigenen Familie entkommen. Aber Könige können nicht entkommen. Was weiß Johannes schon von dieser Welt. Wer oben ist, muss sich oben halten. Das ist die einzige Wahrheit, die für die Mächtigen gilt.


Wäre Johannes doch still geblieben. Hätte er sich doch arrangiert. Ein paar Kompromisse. Was wäre daran so schlimm gewesen? Aber nein: Er hörte nicht auf: „Tut Buße, kehrt um!“ Ein König kann nicht umkehren. Das wäre Schwäche. Das Volk darf nicht umkehren, das wäre Aufstand. Johannes muss zum Schweigen gebracht werden. Wir sperren ihn weg – in den Kerker - und die Verhältnisse sind wieder geklärt.


Für Johannes war nichts geklärt. Es wunderte ihn nicht, dass er im Gefängnis saß – eher vielleicht, dass er noch am Leben war. Wer kannte das Unrecht der Mächtigen besser als er? Doch wenn er nun zu schweigen hatte: Sollte der schon da sein, der nicht nur wirk-lich predigte, sondern wirk-lich war? Bist du es, der da kommen soll? So ließ Johannes ihn fragen.


Jesus antwortet mit den alten Propheten Jesaja und Jeremia: „Lahme werden springen wie der Hirsch und ich will alle sammeln, auch die Blinden und Lahmen. Den Armen wird das Evangelium verkündigt. Allen wird die Botschaft von Gottes neuer Wirklichkeit gesagt.“ Noch im gleichen Atemzug beginnt Jesus damit und macht da weiter, wo Johannes aufhörte. „Den Boten, den Gott schickte, habt ihr gehört und doch sperrtet ihr ihn weg. Was dachtet ihr, würde er euch sagen: Dies und das, was gerade so in Mode ist oder eine Gebrauchsanweisung, wie man im Leben garantiert nicht aneckt? Wie man sich das eigene Unrecht schön redet? Wie man sich in völliger Unfreiheit bequem einrichten kann? Dann tut ihr sogar dem Himmel Gewalt an“, spricht Jesus. „Ihr verdunkelt sogar den Himmel, weil ihr die Last, die ihr euch selbst auflegt, für Gott gegeben haltet. Die Predigt des Johannes und meine Worte“, sagt Jesus, „war wie Musik auf dem Marktplatz. Ihr hättet voller Freude danach tanzen können, in aller Leichtigkeit eures Lebens. Aber lieber schleppt Ihr Eure Last, Eure Schuld, Euer „da kann man ja doch nichts machen“ einfach weiter mit euch herum und lasst euch davon erdrücken. Nirgends, wo ich bisher war,“ spricht Jesus zu den Menschen, „in keiner Stadt, habt ihr hören wollen, was Johannes euch anbot, nämlich hinter euch zu lassen, was euch Last und Schuld im Leben ist. Nirgendwo haben meine Worte eure Wirklichkeiten verändert, obwohl sie euch so verhasst sind und Gott längst eine neue Wahrheit für euch bereit hält. Kann es sein: Ihr wollt, dass alles so bleibt, wie es ist? Dass Menschen Menschen Unrecht tun? Dass Blinde blind, Lahme lahm bleiben und Ausländer angespuckt werden? Da kann man nichts machen? Vielleicht wollt ihr da nichts machen! Damit die Lahmen die Bettenkapazität der Krankenhäuser nicht belasten. Damit nicht alle sehen, was ich mir auf meinem Laptop anschaue. Damit ich wenigstens noch einen habe, auf den ich herab sehen kann. Vielleicht wollt ihr gar nichts von Gott hören, von einem neuen, freien Leben. Wenn ihr tanzt, dann nur noch nach den Klingeltönen eurer Handys.“


Noch während Jesus so predigt, fängt er an zu beten. Und alles wird anders. Im Evangelium nach Matthäus im 11. Kapitel ist all das erzählt und klingt nun so weiter:


„Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“


Die Weisen und Klugen, die, die schon immer wussten, wie der Hase läuft, den Cleveren, denen man nichts vormachen kann, denen, die einem die Welt erklären können und immer auf der Gewinner-Seite stehen, die ihr Schäfchen im Trockenen haben und denen kein Schnäppchen entgeht – die haben keine Ahnung vom Leben. Und Jesus dankt seinem Vater im Himmel dafür. Nicht die, die sich damit abgefunden haben, dass Reiche immer reich und Arme immer arm sein werden, dass es immer Kriege geben wird, dass der Mensch nun mal ein wildes Tier ist und es in seiner Natur liegt, andere auszubeuten und für sich arbeiten zu lassen – die bleiben in ihrer Wirklichkeit stecken und glauben sogar noch, dies sei ihre Freiheit. Sollen sie da bleiben.

Aber alle anderen fangen so lange schon mal an zu leben. Und das beginnt, wie das Gebet Jesu mit „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels“! Lob unsrem Gott, dass er die Wahrheit und das Leben ist und es uns in Christus gezeigt hat. „Kommt her“, ruft Jesus. „Kommt und lobt unsren Gott. Wir werden ausgelacht, aber wir verstummen nicht! Kommt her und lasst uns das Leben feiern. Kaum einer ist dabei, aber wir schon! Kommt her und tragt, was das Leben trägt: Herzen, demütig und sanftmütig.“


Demütig, weil aller Lebensmut von dem Gott kommt, der das Leben selbst ist. Sanftmütig, weil jedes Leben zu kostbar ist, um nicht vorsichtig und liebevoll darauf zu achten. Mit ganzem Herzen, weil darin kein Platz mehr ist, für das, was uns „als die Welt, wie sie nun mal ist“ eingeredet wird, sondern voller Ruhe und Gelassenheit, dass da eine andere Wirklichkeit ist, eine, die wirk-lich ist, die wirkt mitten unter uns, leise, klein aber nicht totzukriegen.

Der Tod ist nämlich woanders. Das Leben ist hier. Kommt doch her! Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Pfarrer Bodo Meier

Mt 11, 25-30

Zweiter Sonntag nach Trinitatis

21. Juni 2020



Gebet

Vater, erbarm dich über uns alle. Du hast uns den Auftrag gegeben, zu reden von dir, dass die Menschen aufatmen, Hoffnung haben, glauben. Lass uns aufhören mit dem Gerede, mit den schnellen Wörtern, mit allem, was kränkt und verurteilt. Lass Frieden werden in unsrer Rede. Vater, voller Unruhe ist die Welt, schaff Gemeinschaft dort, wo wir sie verderben. Den Hunger stille. Der Angst wehre. Das Misstrauen lass schwinden. Die Mächtigen leite durch Wahrheit, die Niedrigen lass Güte erfahren. Die Großmäuligen bring zum Schweigen. Die Stillen lass das Wort hören, das sie befreit. Vater, die Erde wartet auf Menschen, die das Wort kennen, das in Hoffnung Zukunft öffnet. Leg es deiner Kirche in den Mund, dass du groß werdest unter uns. Amen


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