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Wir haben Jesus hinaus geworfen. Schon wieder!

Eine Predigt von Pfarrer Bodo Meier.



Online-Predigt zum Sonntag Judika – 29. März 2020


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Erinnern Sie sich noch an Weihnachten? Da sah die Welt noch anders aus. Da leuchteten die Straßen und Plätze im Glanz der Vorfreude. Da war Advents-Gestöber. Wir begegneten uns auf überlaufenen Weihnachtsmärkten, die uns den Reibekuchen einfach so in die Hand drückten.

Jetzt scheint dieses fröhliche Gewimmel und Gewusel ganz weit weg. Dabei ist es gerade einmal ein viertel Jahr her. Nicht mehr dran zu denken, uns einfach so auf den Dorfwiesen zu treffen. Wir achten darauf, nicht mehr als zwei Personen zu sein. Wir achten darauf, unsere Wohnungen und Häuser nicht zu verlassen. Die Straßen sind leer, die Parks und Plätze erst recht. Ordnungshüter passen auf, dass wir uns nicht zu nahe kommen. Größer kann der Unterschied nicht sein zwischen der letzten Weihnacht und dem kommenden Osterfest.

So denken wir, so empfinden es wohl viele unter uns. Und doch fühlt es sich manchmal an, als wäre alles wie immer. Nur: Jetzt fällt es uns auf!

Wem sind wir denn tatsächlich begegnet, als wir von einem Adventskonzert zur nächsten Adventsfeier liefen? Wie achtlos gingen wir in den Einkaufsstraßen unserer Städte aneinander vorbei. Wir sind doch denen schon immer aus dem Weg gegangen, die wir nicht kannten. Wir freuten uns auf das Fest nur mit der Familie. Nach den Gottesdiensten an Heiligabend zur Zeit der Bescherung – waren die Straßen genau so leer gefegt wie sie es in diesen Tagen sind. Wir wollten – wenigstens zu Weihnachten – einmal unsere Ruhe haben und niemanden sehen – außer unsere Liebsten.

Jetzt wird uns unsere Ruhe verordnet. Jetzt wird zur Last, wonach wir uns vor wenigen Wochen noch sehnten: Daheim, allein die Familie, mein Leben. Da draußen – das war uns oft gleichgültig. Hauptsache meiner Familie ging es gut. Hauptsache mein Heim, unser Leben blieb unberührt und von allem verschont. Mein zu Haus war und ist der sicherste Ort der Welt. So empfanden wir schon immer. Nur jetzt ist dieser Satz eine Frage von buchstäblich Leben und Tod geworden.

Für Christus war das immer schon so. Von Weihnachten bis Karfreitag. Er gehörte nie dazu. Er war immer draußen. Er war nie gern gesehen unter den Leuten. Ihm wurde nie Platz gemacht, geschweige denn eine Herberge gegeben. Als er geboren wurde, gab es keinen Ort für ihn. Keinen unter den Menschen, die sich ihr Leben längst eingerichtet hatten. Irgendwo, in irgend einem Stall kam er zur Welt. Niemand nahm auch nur Notiz davon – außer ein paar fragwürdigen Gestalten, die ihr Vieh hüteten. Die erzählten etwas vom Christus, von großer Freude allem Volk. Keiner glaubte ihnen.

Als erwachsener Mann änderte sich das nicht. „Die Füchse haben Gruben, aber der Menschensohn hat nichts, wohin er sein Haupt legen könnte!“ Er war an der Seite derer, die ohnehin schon schief angesehen wurden: Bettler, Ausgestoßene, Kollaborateure. Die aber hörten ihn gern. Mussten ihm nachfolgen, mit ihm umher ziehen, um ihn zu hören. Die anderen in ihren Häusern: an denen zog vorbei, was Christus zu sagen hatte.


Einige schöpften Verdacht: „Der kann gefährlich werden. Macht er doch denen Hoffnung, die wir verachten. Macht er doch denen Mut, die uns fürchten. Macht er doch die stark, die wir gern ohnmächtig sehen. Lasst also diesen Jesus nicht zu uns hinein. Lasst ihn draußen. Lasst nicht zu, dass er unser Leben verändert oder gar gefährdet. Wir halten uns an das, was immer schon war: Wir schützen unsere Lieben, unser Leben, unser Heim. Da soll niemand hinein, niemand hinter kommen.“

Und so kam es denn auch. Jesus wurde erneut aus dieser Welt hinaus geworfen, wie er schon als Kind keinen Platz in ihr fand. Draußen vor den Toren der Stadt wurde er gekreuzigt. Wir haben ihn hinaus geworfen. Er hat uns gestört – in unserer Art zu leben. In unserer Art, uns unser Heim zu bauen, uns die Welt zurecht zu legen. Wir haben ihn auch noch das Kreuz tragen lassen. Offensichtlich war er gescheitert, wie die vielen gescheiterten Existenzen, die er selig sprach, aber auf die wir spucken, wie auf ihn und uns dabei ins Fäustchen lachen. Wir haben Jesus hinaus geworfen. Schon wieder!

Es hat sich nichts geändert. Wir leben seitdem so weiter wie bisher. Jedenfalls reden wir uns das mit aller Macht ein. Denn noch immer fürchten wir uns, unser sicheres zu Hause, unser sicheres Leben zu verlassen. Als ob es uns gehört: unser Leben. Als ob wir es verteidigen müssten ausgerechnet gegen den, der es uns schenkte.


Wir ertragen es nicht, dass er es allen geschenkt hat, dass er uns sogar mit denen gleich stellt, die wir nicht leiden können, die wir verachten. Denn wir haben doch unser Leben verdient. Wir kämpfen doch mit all unserer Kraft darum und sind auch noch stolz, dass wir es tun. Es kostet uns so viel, dass wir gar nicht mehr merken, nicht mehr spüren und nicht mehr sehen, was da draußen vor den Toren der Stadt wirklich geschah, als wir versuchten, Jesus zum Schweigen zu bringen. Der Hebräerbrief spricht davon in ganz kurzen Sätzen: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13, 12-14) Draußen – vor den Toren der Stadt. Da hat er gelitten. Und wir dachten, es wäre damit vorbei. Keine Gefahr mehr! Alles wird bleiben wie es ist. Wir sind auf der sicheren Seite! Dabei sind wir längst auf seiner Seite. Und sehen es nicht. Er hat gegeben, worin das Leben ist: Sein Blut. Zur Erde zurück, nicht verschwendet, damit Leben bewahrt bleibt.


Blut ist heilig. Sein Blut heiligt sogar uns. Er hat sein Volk heilig gemacht. Er hat gelitten, sich verspotten lassen, hat dafür geblutet, damit wir wieder das Leben lernen. Leben entdecken. Auch dort, wo es verhöhnt wird, verachtet wird – gerade da! Leben, das leidet, das sich sehnt, das nach Hoffnung sucht und oft nicht findet. Lasst uns dahin gehen, wo das Leben ist: Auch, wenn es weh tut, wenn wir zu denen hinaus müssen, die wir uns vom Leib halten wollen. Wir werden genau dann spüren: Wir sind lebendig. Denn wir sind heilig.


Wir gehören zu dem, der selbst das Leben ist. Der es uns geschenkt hat, der uns gezeigt hat, wo wir es finden: Da draußen, ausgerechnet da, wo wir fürchten, es zu verlieren – jenseits unsrer Sicherheiten von Heim, Haus und Familie.

Es ändert sich doch gerade etwas. Ja, wir bleiben zu Hause. Aber wir wollen nicht mehr in Ruhe gelassen werden. Gingen wir noch auf dem Weihnachtsmarkt achtlos aneinander vorbei, so wird uns das vielleicht beim nächsten Weihnachtsfest nicht mehr passieren. Wir fangen an, unser Leben wieder zu entdecken. Vielleicht sogar zu überdenken. Ausgerechnet jetzt, wo wir nicht mehr hinaus dürfen. Aber gerade deswegen spüren wir: Wenn alles bleibt, wie es ist, wenn alle bleiben, wo und wie sie sind, dann bleibt nichts.


Da ist noch etwas, worauf wir zugehen dürfen, gemeinsam miteinander: Wir suchen die zukünftige Stadt. Voller Leben für uns – voller Gerechtigkeit für uns alle – voller Vergebung und Versöhnung für jeden einzelnen. Wir sehnen uns gemeinsam nach Leben. Das gab es schon lange nicht mehr. Tragen wir einander, was Jesus für uns trug. Dann wird da Hoffnung sein. Jetzt! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Gebet:

Gott, in diesen Tagen, manchmal und unerwartet, spüren wir Leere in unserem Leben. Uns fällt dann auf, wie oberflächlich und gleichgültig wir uns gegenüber Menschen verhalten, denen wir gestern noch täglich begegneten.


Wir merken, wie abhängig wir von den Geschäften und Sorgen des Alltags geworden sind, von denen wir dachten sie seien selbstverständlich unter Kontrolle.

Es fällt auf, wie gedankenlos wir mit uns selbst umgingen, zurück drängten, was uns schon lange Last ist.


Wir spüren, Gott, wie sehr sich unser Leben vom Leben entfernt hat: Von dir! Hab Dank, dass wir uns von uns entfernen dürfen, weil du zu uns kommst, mit allem, was uns das Leben füllt. Amen.

Sonntag Judika

29. März 2020

Pfarrer Bodo Meier



Lieder:


Evangelisches Gesangbuch: Lied 76 O Mensch, bewein dein Sünde groß


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Evangelisches Gesangbuch: Lied 97 Holz auf Jesu Schulter


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