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Wer ihn hört, atmet auf – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben.

Eine Predigt von Pfarrer Bodo Meier.



Online-Predigt zum Sonntag Rogate – 17. Mai 2020



Lieder zum Anhören, Genießen und Mitsingen:


Evangelisches Gesangbuch 279: Jauchzt alle Lande

Link: https://www.apostel.net/lied-jauchzt-alle-lande



Evangelisches Gesangbuch 188: Vater unser

Link: https://www.apostel.net/lied-vater-unser



Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es tat gut, ihm zu zuhören. Wenn er sprach, dann kamen die Menschen. Wenn er erzählte, lauschten sie ihm. Wenn er predigte, hörten die Menschen nicht nur mit ihren Ohren, sondern waren berührt bis ans Herz. Wenn er lehrte, sehnten sich die Menschen, er würde nie damit aufhören. Wer ihn hörte, atmete auf – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben.


Und doch war es merkwürdig, denn was er sagte, hatten viele von ihnen schon gehört. Von den alten Sitten und Geboten der Väter Israels. Jesus war nicht der einzige, der umher zog und von Gott redete. Aber er war der einzige, dessen Worte nicht wie ein erhobener Zeigefinger daher kamen. Er war der einzige, der Gott nicht erklärte, sondern von ihm erzählte.


Einmal, als er von einem hohen Berg aus predigte, da sprach er von den drei Gerechtigkeiten, die ein jeder Jude tun muss, um ein Gott gefälliges Leben zu führen: Almosen geben, Beten und Fasten. Wie oft hatten die Menschen das schon gehört, seit Kindertagen: Gib Almosen, bete, faste! Jesus sagt nichts anderes. Und doch hören die Menschen seit langen Jahren zum ersten Mal wieder diesen drei Gerechtigkeiten zu. Andere Prediger forderten sie ein: „Ihr müsst das tun.“ „Ja, ja, wissen wir“ – und wandten sich ab.


Jesus erzählt von Gott, der das Almosen sieht, vom Gebet, das Gott schon kennt, vom Fasten, das zum Fest wird, weil Gott es erkennt. Jesus will keinen Beweis religiöser Pflichterfüllung wie so mancher Moralprediger: „Zeige mir, wieviel du armen Menschen gegeben hast; lass dein Gebet mal hören; ich will sehen, welcher Verzicht das Fasten für dich bedeutet.“ Jesus erzählt nicht von Menschen, die irgend etwas öffentlich beweisen müssen, gleich der Vorlage einer Spendenquittung oder einem mit rechts drehenden Joghurtkulturen optimierten Diätplan – damit alle staunen, bewundern, neidisch werden.


Jesus erzählt von Gott und sagt: Er sieht das Verborgene, er weiß längst, was ihr braucht. Gib dem Armen, so dass niemand es sieht. Gott wird dich dafür ansehen, denn du bewahrst den Armen vor öffentlicher Schmach, dass er es annehmen muss. Faste mit Lust, damit du damit nicht angibst und die nicht schmähst, die noch nicht wissen wie sie fasten sollen. Und dann spricht Jesus vom Beten. In der Bergpredigt wie sie Matthäus im 6. Kapitel überliefert, hören wir Jesu Worte so:

„Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.


Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“


Bete nicht vor den Menschen, dass sie deine Frömmigkeit bewundern. Denn dann betetest du dein eigene Eitelkeit an und sonst niemanden. Bete nicht mit vielen Worten, denn das beleidigt Gott: Oder glaubst du wirklich, du, Mensch von ihm geschaffen, könntest ihm etwas sagen, was er, der Gott des Himmels und der Erden, noch nicht wüsste? Bete im stillen Kämmerlein und bete so.

Und dann, ja dann lehrt Jesus das Vater Unser. Wir kennen es alle. Sprechen es täglich, viele von uns sogar mehrmals an nur einem Tage. Es ist das Gebet der Christenheit. Überall auf der Welt. Nicht wenigen sind es die wichtigsten und wertvollsten Worte neben dem 23. Psalm. Das Gebet vor der hoffentlich behüteten Nacht. Das Stoßgebet in Not. Die einzigen Worte, die einem noch blieben, als großes Unglück ins Leben brach. Das Gebet, das als einziges mich noch mit der verwirrten alten Großmutter verbinden konnte. Das Gebet meines christlichen Glaubens.

Es ist Gottes Gebet, dass Gott auch auf Erden Gott ist wie im Himmel. Im Himmel, seinem Reich, wo es Brot die Fülle gibt; Vergebung zum Leben in Fülle führt; wo Versuchung niemandes Leben mehr in Frage stellt. Wir dürfen es beten. Wir – nicht ich! Es ist ja nicht mein Gott, nicht mein Brot, auch nicht allein meine Schuld. Es ist unser Gott, unser Leben, das Nahrung braucht, unsere Schuld, die uns nicht übereinander erheben lässt, sondern umeinander weiß, wie bitter nötig unsre Erde einen Gott hat, der Leben schenkt, der vergibt, der die Menschen nicht in die Irre führt.


Wenn das Gebet des Herrn tatsächlich unser Gebet wäre, das Gebet von uns Christen, dann suchten wir in der Tat vergeblich nach dem „Christlichen“ im Vater Unser. Wenn wir glaubten, es gehe in diesem Gebet Jesu um uns und um unsre Bitten an Gott, dann fänden wir nichts von dem, was Jesus lehrte und den Menschen von Gott erzählte. Als ob Gott nicht wüsste, dass wir jeden Tag Brot brauchen. Als ob Gott nicht wüsste, dass wir jeden Tag schuldig werden, wenn Menschen durch Menschen ausgenutzt werden, leiden, ja sterben.


Nein, es ist nicht unser Gebet. Es ist Gottes Gebet. Es geht im Vater Unser nicht um uns, nicht um uns Christen. Es geht um Gott, den Vater Jesu Christi. In diesem Gebet ist er gegenwärtig und heilig. Er ist gegenwärtig, denn wir nennen ihn beim Namen: Vater Unser! Er ist heilig, denn wir bekennen ihn in diesem Gebet als heilig über alle Welt und in alle Himmel: Geheiligt werde dein Name. Das ist keine Bitte, dass Menschen ihn ehren sollen. Es ist unser Flehen, dass Gott seinen Namen über alle Welt heiligt, wie er schon in seinem Reich heilig ist. So wie Gott selbst beim Propheten Hesekiel verheißen hat: „Ich will meinen Namen vor den Völkern wieder heilig machen!“

Es ist Gottes Gebet, dass Gott auch auf Erden Gott ist wie im Himmel. Im Himmel, seinem Reich, wo es Brot die Fülle gibt; Vergebung zum Leben in Fülle führt; wo Versuchung niemandes Leben mehr in Frage stellt. Wir dürfen es beten. Wir – nicht ich! Es ist ja nicht mein Gott, nicht mein Brot, auch nicht allein meine Schuld. Es ist unser Gott, unser Leben, das Nahrung braucht, unsere Schuld, die uns nicht übereinander erheben lässt, sondern umeinander weiß, wie bitter nötig unsere Erde einen Gott hat, der Leben schenkt, der vergibt, der die Menschen nicht in die Irre führt.


Um all das dürfen wir bitten und flehen, sagt Jesus – und es wird nicht vergeblich sein. Denn es ist ja der Gottessohn, der uns so beten lässt, es sind seine Worte. Er hat sie längst für uns gesprochen. Als er uns das Vater Unser lehrte. Und immer dann, wenn wir ein Vater Unser beten, spricht er es mit. Na ja, eigentlich ist es umgekehrt: Er spricht das Vater Unser mit uns, auch und gerade dann, wenn wir im stillen Kämmerlein sind. Denn er ist unser Fürsprecher.


Wir brauchen ihn, sagt schon Paulus: Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfarrer Bodo Meier

Matthäus 6, 5-15

Sonntag Rogate

17. Mai 2020



Gebet

Gott, du hörst unsere Gebete.

Erhöre uns, wie du Abraham, Mose und David erhört hast.

Verwirf nicht, nimm auf, was wir vor dich bringen, weil wir nicht wissen, wohin sonst damit. Wenn wir uns an dich wenden, wende dich zu uns, gütiger Gott!

Vater Unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name,

dein Reich komme,

dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.


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