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Videopredigt zum Sonntag Estomihi

Eine Predigt von Pfarrer Bodo Meier.



Online-Predigt zum Sonntag Estomihi – 14. Februar 2021



Lieder zum Anhören, Genießen und Mitsingen:


Evangelisches Gesangbuch 401: Liebe, die du mich zum Bilde


Evangelisches Gesangbuch 545: Wir gehn hinauf nach Jerusalem




Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unsrem Vater und unsrem Herrn Jesus Christus. Amen


In diesen Tagen kommt es einem merkwürdig vor, vom Rosenmontag zu reden, vom Aschermittwoch, an dem ja bekanntlich alles vorbei ist. Vielen von uns kommt es ja seit Wochen und Monaten, ja seit einem geschlagenen Jahr so vor, als sei alles vorbei. Verzicht üben wir doch längst. Jede und jeder auf seine Weise versucht zurecht zu kommen irgendwo zwischen Home-Schooling und Home-Office – wobei „zwischen“ kaum das richtige Wort ist, findet doch beides viel zu oft am gleichen Schreibtisch im Wohnzimmer statt.


Nicht genug, dass wir täglich spüren, wie wichtig Kindergarten, Schule waren, auch das Treffen mit Menschen im Büro und im Betrieb, - Restaurants, Theater, Kino ohnehin -, nein, wir werden auch noch jeden Tag daran erinnert: In allen Medien, steht es fett geschrieben oder beschallen uns, wie schlimm das alles ist. Als ob wir es nicht längst selbst wüssten, wird es uns auch noch dauernd erzählt.


Es ist ein bisschen so, wie sonst zur Fastenzeit, nur umgekehrt. Da habe ich verzichtet auf was weiß ich: hielt Diät, fuhr kein Auto und schaute kein Fernsehen. Aber nicht genug damit: Ich erzählte davon jedem, der mit begegnete und jeder, die es nicht hören wollte. Gerne lehnte ich das angebotene Stück Kuchen ab, und sah die Chance, nun ausführlich von meinem Fasten zu erzählen, wie gut mir das Fasten tut, warum ich faste, und wie ich das Fasten lernte, und warum ich seitdem jedes Jahr „sieben Woche ohne“ faste.


Die einen finden so ihre Mitte wieder, die anderen nehmen sich eine Auszeit, um ganzheitlich das wirklich Wichtige im Leben zu spüren, die dritten um nachweislich ihre Gesundheit zu fördern, ja ihr Leben damit verlängern zu können, es auf jeden Fall wieder bewusst genießen werden. Fasten als Selbsterfahrungs-Trip. Wirklich empfehlenswert. Solltest du auch mal probieren. Tu dir mal was Gutes! Ich weiß, wovon ich rede.


Die anderen trauen sich nicht mehr, so offen von ihrem Fasten zu reden, sind sich aber genau so sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Denn sie folgen damit ihrem Gott und Herrn. In der Passionszeit, in der Leidenszeit unsres Herrn Jesus wollen sie ihm nahe sein, wie Simon, der gar sein Kreuz für ein paar Schritte trug oder der Tradition nach Veronika, die mit ihrem Tuch den Schweiß von des Herrn Stirn wischte. Christen fasten, weil sie auf das Kreuz schauen, weil da einer für sie gelitten hat, ja für sie gestorben ist. Sie fasten, um Reue zu zeigen. Sie fasten, weil sie ehrlich zu sich sein wollen und mit dem Verzicht bekennen: Ich weiß um meine Sünden. Sie fasten, weil sie von Gott angesehen werden wollen: Mein Verzicht ist meine Antwort auf dein Kreuz. Sieh doch, ich bin offen und ehrlich und bekenne meine Schuld. Rette mich also! Sag mir, dass ich es wert bin. So fasten sie und hoffen, der Gnade Gottes gerecht zu werden. Über so etwas spricht man natürlich nicht öffentlich, aber Gott versteht mich schon, denn ich habe verstanden, was Gott von mir will.


Tu dir was Gutes und faste. Und werde gesund.

Tue Gott was Gutes und faste. Und werde heil.

Wir tun so, als kännten wir die Wege des Lebens und die Wege Gottes. Schon seit 2800 Jahren aber erträgt unser Gott das nicht mehr. Denn Jesaja hieß Gott dazwischen gehen und laut in seinem Namen zu rufen:


„Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?«

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das einFasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?“



Selbstgerechter könnte euer Fasten nicht sein. Ihr bildet euch ein, Gerechtigkeit auf eurer Seite zu haben. Ja ihr fordert von eurem Gott, auf eurer Seite zu sein. Wir klagen sogar, wenn das Fasten nichts nützt. Wenn wir nach sieben Wochen ohne immer noch Übergewicht haben, wenn nach leidvollem Verzicht ich noch immer unter schlechtem Gewissen leide, obwohl mir doch Gott eigentlich hätte vergeben müssen – nach diesem vollem Fasten-Einsatz! Warum ändert sich also nichts? Obwohl wir alle Ernährungsberater gelesen haben und alle Fasten-Meditations-Techniken der Alten Kirche mühsam erlernt haben. Es geht uns nicht besser! Wir wollten fit für unsren Alltag werden, ihn besser bewältigen können. Und nun?


Ja, und nun erkennt ihr, dass euer Alltag sich nicht geändert hat. Eben! sagt unser Gott durch den Propheten. Ihr geht nach wie vor euren Geschäften nach. Ihr wolltet doch gar nicht, dass sich etwas ändert. Euren Nachbarn könnt ihr immer noch nicht leiden. Der Streit mit dem Kollegen wird gepflegt, so alt er auch ist. Ihr wollt doch Teil einer Welt sein, die sich gegenseitig ausbeutet und sich in Sieger und Verlierer aufteilt. Alles tut ihr dafür, auf der Sieger-Seite zu sein. Und versteckt Eure Gier nach Mehr und eure Angst, euer Leben könnte sich ändern, hinter Selbst-Achtsamkeit oder spirituelle Erfahrungen. Euer Fasten soll nichts anderes, als euch selbst zu bestätigen, dass ihr auf der richtigen Seite seid. Mit eurem Fasten berauscht ihr euch selbst. Aber, spricht Gott weiter:


“Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“



Lass los! Lass ledig! Gib frei! Das ist das Fasten Gottes. Es geht weder um dich, noch um deinen Verzicht. Es geht nicht um deine Erlösung, sondern um die Erlösung von dem Bösen. Es geht nicht um Selbsterfahrung, sondern darum, den anderen zu erfahren. Lass los, was dein Leben bindet und erkenne Unrecht als Unrecht. Lass ledig den, der dir doch nur nützlich ist und sieh ihn endlich an. Gib frei, die du an dich gebunden und das mit Liebe verwechselt hast. Faste dein Leben vom eigenen Ich und entdecke die weite Freiheit der Gefangenen, das volle Recht der Unterdrückten und die überfließende Liebe der Menschen. Dann, dann wird Gottes Gerechtigkeit und seine Herrlichkeit dich reich machen, dass du nur so staunst, wie einfach es war: Lass los! Lass ledig! Gib frei! Amen


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen


Pfr. Bodo Meier

Predigt über

Jes 58, 1-9

Estomihi

14.02.2021