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Videopredigt zum Pfingstsonntag

Eine Predigt von Pfarrer Bodo Meier.



Online-Predigt zum Pfingstsonntag – 23. Mai 2021




Lieder zum Anhören, Genießen und Mitsingen:


Evangelisches Gesangbuch 268: Strahlen brechen viele aus einem Licht


Evangelisches Gesangbuch 126: Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist




Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unsrem Vater und unsrem Herrn Jesus Christus. Amen


Pfingsten ist ein schönes Fest. Mitten im Frühjahr. Die Tage sind lang und hell. Die Bäume werden grün und die Blumen bunt. In diesem Jahr ist das Aufatmen vielleicht sogar noch größer. Alle Tristesse und Enge der letzten Monate scheinen zu weichen. Wie sehr sehnen wir uns nach einem vollen Haus, voller fröhlicher Menschen, die einander die Hand reichen, sich umarmen, miteinander sprechen. Es wird sich wunderbar anhören: alles voller fröhlicher Stimmen.

So, wie es eben war am ersten Pfingsttage, erzählt von der Apostelgeschichte im zweiten Kapitel. Alle waren beisammen. Die Botschaft der Auferstehung war noch so jung, kaum zu glauben. Es war eine Freude, Jesus wieder im Himmel zu wissen. Gott Lob!

Aber dennoch: Es schien nun so, als seien sie wieder allein, die Jünger Jesu. Nun ohne ihn, der so viel Hoffnung weckte und von Gottes Liebe erzählte, wie sonst niemand zuvor. Was soll nun werden? Das war die Frage, die sich in jedes ihrer Gebete schlich, in jedes Gotteslob, in jede Erzählung: Weißt du noch, damals? Die Erinnerungen waren bittersüß. Die Sehnsucht nach gestern war groß. Die Hoffnung auf Morgen hatte es dagegen schwer.

Aber dann, ja dann gingen Herzen und Türen auf. Frischer Wind im Haus. Feuer im Herzen, dass die Gesichter leuchteten vor Staunen und Freude. Kein Gedanke mehr an das, was verloren schien. Keine Furcht mehr, was da kommen würde. Nur noch hier und jetzt! Und alle konnten es sehen. Mehr noch: Sie konnten es hören. Von draußen schauten sie durch Türen und Fenster. Alle waren neugierig. Alle wollten hören, ob sie etwas verstünden von dem, was da sauste und brauste, was da feurig entbrannte.


Man stelle sich vor: Eine Kirche in der Weite des Windes und so voller Feuer, dass die Menschen herbei gelaufen kommen und von draußen durch die Kirchfenster blicken, was da denn bei uns losgebrochen ist. Und dann stelle man sich noch mehr vor: Die Menschen, die da vor unsrer Tür stehen, verstünden auch noch unsre Gebete und Predigten. Sie würden spüren, was „Segen“ bedeutet – ohne das Wort erklären zu müssen. Sie würden begreifen was „Erlösung“ heißt, ohne dass Kirchenfachleute darüber referierten. Nur mal angenommen! Die Kirche wäre erschrockener als die Jünger damals - begeistert wie sie wäre.

Selbst begeistert. Denn die von draußen herein schauten, waren alles andere als Feuer und Flamme. Die waren entsetzt und ratlos, wie es in der Pfingstgeschichte heißt. Es kann doch nicht sein, dass in diesem Durcheinander, diesem Gebrause und Geflacker auch nur einer etwas versteht. Es kann nicht sein. Und doch: Jeder verstand. In seiner Sprache. Alles redet durcheinander und ich bin teil davon? Ich höre Worte, die mir vertraut sind – da wo ich lebe, wo ich bin, wo ich her komme mit meinen Sorgen und meinen Träumen? Das soll ich ausgerechnet hier hören und verstehen – in diesem Wirrwarr, dieser Unordnung? Den einen kenne ich: der kommt aus Rom und spricht Latein. Ich will ihn gar nicht verstehen – ich kenne doch die Römer. Den anderen habe ich schon mal gehört – aus England, Frankreich oder aus Russland. Der soll mir nicht erklären, was Europa ist, das weiß ich allein – ich will ihm gar nicht zuhören, denn ich will in meinem Land leben, in meinem Europa nur.

Es wäre doch entsetzlich, wenn alle Menschen von überall her gemeinsame Sache machten. Da verlieren wir uns. Da werden wir zerstreut. Da bin ich besorgt und ratlos, was aus meinem Land, meiner Kultur, meiner Familie, meinem Heim wird. Es darf nicht so weit kommen, dass ich mich in meinem Land nicht mehr auskenne und ich von überall her verschiedene Sprachen höre, die auch noch so tun, als wäre alles eitel Sonnenschein. Nein, das wäre unser Ende. Wir brauchen Orientierung. Wir brauchen Leitkultur und sichere Grenzen. Wenn ich den Fremden erst mal beginne zu verstehen, dann habe ich Angst, mich selbst zu verlieren. Wir müssen alle dieselbe Sprache sprechen. Nur so werden wir unsre Zukunft sichern. Und deshalb – im 11. Kapitel des ersten Buch Mose berichtet –


„sprachen sie untereinander:

Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.

Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.“


Welch ein Geschenk hat uns Gott da gemacht.

Man stelle sich vor, der Turmbau zu Babel hätte Erfolg gehabt. Nein, nicht gleich bis an den Himmel. Es hätte ja nur einer zu behaupten brauchen: Wir sind am Ziel. „Der Turm ist fertig.“ Alle hätten sich um ihn versammeln müssen. Alle hätten auf die eine gleiche Weise sprechen müssen. Wehe, wenn einer etwas anderes sagte. Der Turm: Zentrum und Ziel, Sinn und Zweck aller Menschen, auch meines Lebens. Festgelegt von seinen Bauherren. Die sitzen im Turm und geben den Gleichschritt vor. Die sagen, was die Menschen sagen sollen. Die verbieten, was Menschen verboten sein soll. Keine Abweichler. Nur die eine Ordnung. Alles ordentlich. Aber niemand außer Sichtweite des Turms. Ordnung hieße es. Kontrolle wäre es. Stolz auf uns selbst, hieße es. Unterdrückung wäre es. Neue Größe hieße es. Angst und Ohnmacht wären es.

Wie sehr danken wir an einem Tag wie heute unsrem Gott, dass er uns davor bewahrte, diesen Turm zu vollenden. Dass er verhinderte, unsre Machtgelüste bis an den Himmel reichen zu lassen. Dass er uns nicht in die Höhe ließ, aber in die Breite streute, in die ganze Welt. Dass er uns die vielen Sprachen gab.

Darin liegt Gottes Ordnung, seine Schöpfung, die so bunt ist, dass unsre Farben dafür nicht ausreichen. Darin liegt Gottes Liebe, dass die Worte all unsrer Sprachen nicht dafür ausreichen. Darin liegt Gottes Geist, der schon vor aller Zeit über der Urflut schwebte und nun nachdem er sein eines Wort sprach - Jesus Christus,gekreuzigt und auferstanden - nun seine wahre Macht offenbart: Die Liebe, die alles versteht, die alles überwindet. Die versöhnt, was sich hasst, die vergibt, was Schuld verdarb. Die hören lässt, was das Herz der Menschen bewegt – sogar in einer Sprache, die andere verstehen. Denn es ist Gottes Sprache. Sein Wort. Voll Feuer und Geist.

Welcher Turm sollte dem widerstehen? Welche Macht könnte seinen Geist zum Schweigen bringen?

Ich will keinen Turm. Ich will Gottes Lob und Gottes Liebe in allen Sprachen hören. Überall, zu jeder Zeit und gleichzeitig: Seht, da braust unser Gott! Eure Türme halten seinem Atem nicht stand, noch seinem Feuer.

Frohe Pfingsten!


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen


Pfr. Bodo Meier

Predigt über

Genesis 11, 1-9

Pfingsten 2021


Gebet


Gott, dein Geist schwebte über den Wassern, bevor du das Leben auf der Erde geschaffen hast. Wir bitten dich um deine Schöpferkraft, wo Chaos, Zerstörung und Sinnlosigkeit herrschen.

Gott, du hast den Menschen deinen Geist eingehaucht, dass wir atmen, fühlen, sprechen und klar sein können. Wir bitten dich um deinen Atem, wo Menschen zu ersticken drohen an Gleichgültigkeit, Kälte und Leere.

Gott, du hast Menschen durch deinen Geist geheilt. Wir bitten dich um deine Kraft für alle, die unsicher im Leben stehen, die unter Krankheiten und Schmerzen leiden.

Gott, du hast Menschen durch deinen Geist zusammen gerufen. Wir bitten dich um Liebe für alle Paare und Familien, um Versöhnung für Streitende und Vergebung für Schuldige - im Leben, das wir überschauen und im Leben, das wir in der Ferne nicht kennen.

Lass Pfingsten werden bei uns und in der Welt!