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Heute ist der Tag, um von der "Jauche Ihres Lebens" aufzusehen und zu jubeln!

Eine Predigt von Inge Rethemeier.



Online-Predigt zum Sonntag Jubilate – 3. Mai 2020



Lieder zum Anhören, Genießen und Mitsingen:


Evangelisches Gesangbuch 274: Der Herr ist mein getreuer Hirt

Link: https://www.apostel.net/lied-nun-jauchzt-dem-herrn-alle-wel



Evangelisches Gesangbuch 358: Es kennt der Herr die Seinen

Link: https://www.apostel.net/lied-bei-dir-jesu-will-ich-bleiben



Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.


Jubilate – jubelt, jauchzt, so wird es uns an diesem Sonntag ans Herz gelegt. Aber dies auch zu tun, ist schwierig – nicht nur wegen des gebotenen Abstandes zu allen Menschen und Maske im Gesicht. Da kann man ja einander nicht einmal mehr freundlich zulächeln. Aber auch sonst: Es kommt doch schon das Wort „jauchzen“ kaum noch in unserem Sprachgebrauch vor.


Vielleicht nur noch bei einer Gelegenheit, wenn selbst Menschen, die ansonsten mit dem Glauben nicht viel am Hut haben, leichte fromme Anwandlungen bekommen. Wenn also im Frühjahr die Bauern zwar nicht die Rösslein anspannen, aber ihre Traktoren hervorholen und mit einem Anhänger voll Jauche auf die Felder ziehen; wenn dann dieser Segen den Boden bedeckt und durch alle Ritzen in der Umgebung die frische und gesunde Landluft zieht – dann sieht man einander schmunzelnd-resigniert an und sagt: „Nun jauchzt dem Herren alle Welt.“


Ansonsten wird wenig gejubelt und gejauchzt. Kleine Kinder tun es manchmal noch, die unbedarft und unbeschwert dem Leben gegenüberstehen. Aber wir sind ja nun erwachsen geworden und vernünftige Bedenkenträger. Bei uns geschieht es vielleicht noch, wenn der Lieblingsverein Deutscher Fußballmeister wird – aber das fällt in diesem Jahr wohl auch aus.


Doch auch abgesehen von den schwierigen Zeiten jetzt meint man, wenig Anlass zu solchen Herzensbewegungen zu haben. Die Ergebnisse der letzten Arztuntersuchung, der Streit mit dem Nachbarn, die Langeweile in der Ehe, der tägliche Stress mit den pubertierenden Kindern, die drohende Arbeitslosigkeit, das mangelnde Vertrauen in die Politik, Krieg und Hunger in der Welt, Kritik an der Kirche und Zweifel an ihrer Botschaft – nein, zum Lachen ist uns nicht zumute.

Wie sollte es auch anders sein, wenn wir immer nur auf uns sehen und um uns selbst kreisen? Da muss uns schon ein neues Wort treffen, ein Wort von außen, damit wir eine andere Blickrichtung gewinnen.


Dazu ist uns unser Predigttext heute gegeben. Wir finden ihn im 15. Kapitel des Johannesevangeliums (Verse1-8). Dort sagt uns Jesus Christus:


Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.


Da beginnt unser Predigttext ganz betont mit einem „Ich“ – und später erst kommt das „Wir“. Und das zieht unseren Blick und unser Denken von uns weg und hin auf Christus. Er steht am Anfang; wichtig ist, was er zuerst redet und tut. Und damit gewinnen wir unseren Platz: Nicht uns selbst überlassen, sondern von ihm angeredet. Er macht uns persönlich zum „Du“ und gemeinsam zum „Ihr“.

Vor allem, was uns bedrängt, bewegt, belastet, wegzieht, zweifeln lässt – vor allem, was uns klein und hilflos oder auch überheblich und oberflächlich werden lässt – vor allem, was uns auf uns selbst begrenzt: Da ist sein Ich, das uns zum Du macht.


Einer der schlimmsten Sätze in der Bibel ist ja wohl das Wort des Hohenpriesters an Judas, als der seinen Verrat an Jesus bereut und ihn rückgängig machen möchte. Da wird ihm gesagt: „Was geht das uns an – da siehe du zu.“ Wer selbst zusehen muss in dieser Welt wie Judas, der hat wahrhaft nichts mehr zu lachen, der landet wie er in der Verzweiflung und irgendwann im Tod.

Nun aber sieht der Herr zu. Er sieht unser Leben, unsere Freuden und Lasten, unser Gelingen und Versagen, unsere kleinen und großen Sorgen und Probleme – und er sagt: Ich bin – ich bin bei dir, ich bin für dich da, ich bin dir in Liebe zugewandt.


Wir dürfen von uns wegsehen und erkennen: Vor uns steht immer schon sein großes Geschenk. Wir sind keine Zufallsprodukte, sondern er hat uns gewollt und ins Leben gerufen. Schon in der Taufe hat er uns zu seinem Eigentum gemacht, zu einem Leben mit ihm berufen und in seine Gemeinde gestellt. Er hat uns seine Hand entgegengestreckt und uns seine Worte als Wegweisung und Halt und das Gespräch mit ihm als Kraftquelle gegeben. Er hat für unsere Schuld bezahlt am Kreuz, damit sie uns nicht mehr das Leben rauben kann. Er hat nach dem Tod neues Leben geschaffen, in dem auch wir ewig zu Hause sein dürfen.


Er ist der Weinstock und wir die Reben. Er gibt uns, was wir zum Leben brauchen. Er schenkt uns seine Liebe, sein Ja, Lebenshilfen in seinem Wort, Vergebung über unserer Schuld, Gewissheit und Grund unter die Füße, Hoffnung, die stärker ist als der Tod. Denn: „Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.“

Er beschenkt, aber er zwingt nicht. Man kann sich auch dem Zustrom dieser Quelle verschließen. Manchmal meinen wir ja, ohne Gott oder ein wenig neben ihm oder nur halbherzig, sei genauso gut oder sogar besser. Solch eine Rebe aber wird abgeschnitten und vernichtet, heißt es hier in aller Deutlichkeit. „Wie kann Gott nur so hart sein?“ möchten wir einwenden. Gilt bei ihm: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“?


Aber die Wahrheit ist andersherum: Eine Rebe, die nicht mehr ihre Kraft und ihren Lebenssaft vom Weinstock nimmt, verdorrt und verfault. Sie sieht noch eine zeitlang gut und schmackhaft aus, trägt aber den Tod in sich, bereitet sich selbst ihr Verderben.


Wer sein Leben nicht mehr als von Gott gewollt und bejaht sieht, der verliert den Sinn in seinem Leben. Wer nicht auf Gott hört und ihm antwortet, der verknotet sich in sich selbst. Wer seine Schuld nicht bei Gott ablädt, den wird sie irgendwann erdrücken. Wer auf eigene Rechnung leben will, der übernimmt sich und geht pleite. Wer im Tod nur das natürliche Ende sieht, muss ihm ausweichen, solange es geht. Er kann sich trösten mit der Meinung, man lebe ja im Gedächtnis seiner Lieben weiter, aber dies stirbt auch – spätestens mit dem Tod der Gedenkenden.


„Wer ohne Gott leben will, muss zusehen, wie er damit zurechtkommt“, hat Matthias Claudius einmal gesagt. Und er fährt fort: „Ich und du können es nicht.“ Wir brauchen den Weinstock, weil wir allein nämlich schwach sind und er allein uns halten kann.


Wer aber an ihm bleibt, der bringt viel Frucht. Und wie entsteht die? Eine schnelle Antwort wäre: Wir müssen uns einsetzen. Wir sollen tun und machen. Als Christ hat man so und so zu leben.

Jesus sagt es anders: Wir müssen nur eins – hängen bleiben. Ich darf es mir gefallen lassen, dass er mich hält und trägt. Ich höre auf sein Wort und nehme es in mir auf. Ich rede mit ihm im Gebet, schütte mein Herz aus und frage ihn um Rat. Ich bin gespannt auf das, was er heute mit mir vorhat und welche Menschen er mir auf den Weg stellt. Ich gebe ihm meine Grenzen und Fehler, meine Last und Schuld und lasse ihn daran arbeiten. Ich vertraue darauf, dass ich nie tiefer fallen kann als in seine Hand, selbst im Tod nicht.


Und das bringt Frucht, das allein. Das strahlt nach außen. Das kann andere berühren und aufmerksam machen. Nicht, weil wir so toll sind und etwas Besonderes auf die Beine gestellt haben. Sondern allein, weil wir Gott durch uns wirken lassen. Da werden die Menschen unsere guten Werke sehen, aber es wird von Gott gewirkt sein, und sie werden mit uns den Vater im Himmel preisen.

Und so entsteht doch noch so etwas wie Jubeln und Jauchzen. Spüren Sie etwas davon, wenn Sie ihm Ihr Herz öffnen? Nun mag es ja in unser keiner Naturell liegen, jetzt spontan von unserem Sitz aufzuspringen, das Fenster zu öffnen und mehrfach laut „Halleluja“ hinauszurufen. Wiewohl allein schon die Vorstellung davon uns zum Lächeln bringen könnte.


Wichtiger aber ist es, wenn uns Gottes Wort so erreicht, dass sich die inneren Mundwinkel des Herzens heben. Wenn Sie also glauben, dass Gott Sie unendlich liebhat und Sie nicht lassen will; wenn Sie den Mut gewinnen, von der Jauche Ihres Lebens und Ihrer Welt aufzublicken und auf Jesus zu sehen, der es gut mit Ihnen meint – dann sagen Sie es nur getrost, still oder laut: „Nun jauchzt dem Herren alle Welt“ – und dieser Sonntag trägt seinen Namen zu Recht: Jubilate!

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn, zum ewigen Leben. Amen.

3. Mai 2020

Inge Rethemeier


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