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Gründonnerstag: Der Tag des letzten Mahls.

Aktualisiert: Apr 12



Die Predigt am Gründonnerstag, zum Nachlesen, in Schriftform:


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unsrem Vater und unsrem Herrn Jesus Christus. Amen

Unser Leben liegt nicht in unsrer Hand. Wir haben es nicht in der Hand, ob wir leben, erkranken oder gar sterben. Selten wie in diesen Tagen wird uns das so deutlich vor Augen gemalt. Vielen unter uns, die den letzten Krieg oder die schlimmen Jahre danach nicht mehr erlebt haben, machen diese Erfahrung zum ersten Mal. Unser Leben gehört nicht uns!

Wir waren richtig gut darin, uns etwas anderes einzureden. Wir hatten stets alles im Griff. Wir lebten und meinten, wir hätten ein Recht darauf: auf Gesundheit, Glück und Erfolg. Wenn eines davon ausblieb, gab es bestimmt irgendwo einen Schuldigen, einen Verantwortlichen oder mindestens einen Fehler, den es nur zu beheben galt und schon konnte es weiter gehen: Mein Leben, wie ich es verlange!

Jetzt sind die Zeiten andere. Viele kommen ins Nachdenken: Selbstverständliches wird hinter fragt. Was wichtig schien, muss nun nicht mehr sein. Aber es gibt auch die, die sich all dem verweigern. Ein Leserbrief unsrer Lokalzeitung war überschrieben mit „mir reicht‘s“. Darin verwahrte sich jemand dagegen, ihm vorzuschreiben, wie er zu leben habe. Welche Frechheit, dass andere sich in sein Leben einmischten, eventuell sogar missionarisch, will sagen, ihn mit religiös erhobenen Zeigefinder zur Buße treiben wollen.

Sie werden staunen, ich kann diesen empörten Zeitungsleser sogar verstehen. Nicht, weil er Fragen an sein eigenes Leben offensichtlich grundsätzlich verweigert. Aber er hat ja Recht: Schon erheben sich Christen als Wahrheitsbesitzer und Gottesversteher und verkündigen das Corona-Virus als Gottes Strafe, Gottes Prüfung, Gottes letzte Chance oder was auch immer, damit Menschen endlich doch zu Gott finden. Natürlich zu deren Gott, den diese Christen verkündigen.

Nun, liebe Gemeinde, ich selbst vermag nicht zu sagen, ob Gott uns dieses Virus geschickt hat. Ich weiß nur aus der Heiligen Schrift, dass die Plagen, die tatsächlich Gott über die Menschen brachte, immer begleitet waren von seiner eindeutigen Botschaft. Und immer mit der Chance der Umkehr. Und zwar nicht der Umkehr zu denen, die es immer schon wussten, sondern mit der Umkehr zum Leben und zur Freiheit. Wenn andere Menschen mir nun schon Gottes Plan mit dieser Epidemie erklären müssen, dann ist Skepsis angesagt. Denn Gottes Wort, seine Mahnung, sein Trost, seine Botschaft sind stets eindeutig und klar. So offensichtlich wie der Blitz von einem Ende des Himmels zum anderen. So sprach schon unser Herr. Auslegung und Deutung überflüssig.

Gott braucht keine Krankheit, um uns zum Leben umkehren zu lassen. Er hat längst andere Wege gewählt. Er hat uns längst sein eines Wort, seine eindeutige Botschaft gesagt.

Und zwar genau heute! Am Tag, als sein Sohn das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern hielt. Dieser Tag begann wunderbarer Weise ja schon viel früher. Ungefähr 1300 Jahre früher. In der Nacht, da er sein Volk Israel aus aller Unterdrückung und von allem Unrecht befreite. Wir haben die Vorbereitung dazu gerade als Lesung aus dem 2. Buch Mose gehört.

Erstaunlicher Weise mögen viele von uns diese Geschichte nicht oder nicht mehr. Sie kommt ihnen viel zu blutrünstig und grausam vor. Da müssen unschuldige Lämmchen geschlachtet werden. Da lässt ein grausamer Gott tausende Ägypter, seine Feinde, ersaufen. Da sind schnell die modernen pseudo-humanistischen Urteile über den rachsüchtigen Gott aus alten Zeiten und Testamenten gefällt. Wie kann ein Gott, an den ich glauben soll, Tiere blutig schlachten und Menschen einfach töten? So fragen sie und wenden sich ab - essen ihr Schinkenbrot bei der Tagesschau und sind kaum noch betroffen von den tausenden Toten in den Bürgerkriegen, die auch deutsche Waffen befeuern.

Wir haben nichts verstanden. Gewiss sind die Zeiten nicht gegen einander auszuspielen und soll auch hier nicht geschehen. Im Gegenteil. Tieropfer hat ja auch schon der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht mehr haben wollen. Aber es waren ausgerechnet diese uralten Zeiten, in denen Menschen verstanden haben, mit allem Lebendigen gemeinsam zu leben. Sie wussten, dass sie Tiere nicht produzieren können, wie wir es uns heute einbilden. Sie wussten, dass Tiere Geschöpfe sind, genau wie sie als Menschen, wie es heute wieder viele herbei sehnen. Es war ja nicht so, dass der Mensch das Tier ausgebeutet hat. Mensch und Tier waren voneinander abhängig. Das Tier bestimmte die Wege der Nomaden.

Jedes Geschöpf war wertvoll und niemals Besitz des Menschen. Um sich daran zu erinnern, wurde vom Tier, das dem Menschen geschenkt war, wieder ein Teil seinem Schöpfer zurück gegeben, sogar gemeinsam mit Gott verzehrt. Das war der Ursprung des Tieropfers, über das wir alles andere als unsre ach so aufgeklärten Nasen rümpfen sollten, angesichts unsres Umgangs mit Tieren entweder als Produkt oder als vermenschlichtes Wesen, das sie auch nicht sind.

Aber: Allen Geschöpfen gemeinsam ist das Blut. Darin war das Leben. Das durfte nicht verzehrt werden. Es musste der Erde zurück gegeben werden, woher es stammte, woraus Gott das Leben schuf.

Aber in dieser Nacht, als Gott sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit führen will, da bricht zum ersten Mal etwas Neues auf: Das Blut des Lammes soll eben nicht wieder Gott zurück gegeben werden. Gott verzichtet gleichsam darauf und macht das Blut des Lebens zum Zeichen des Lebens: Streicht eure Türen mit dem Blut, bezeichnet eure Häuser so mit dem Leben. Und ihr werdet heute Nacht leben! Gott gibt von dem, was ihm gehört, und gewährt damit denen Leben, die sich nach Freiheit sehnen. Heute Nacht werden die Häuser verschont, die sich das Zeichen der Hoffnung auf Leben gaben.

Ja, es stimmt: Alle anderen Häuser werden gottverlassene Orte, Menschen werden sterben. Die Armee, die den befreiten Israeliten hinter her stürmt, lässt Gott im Meer untergehen. Schon wieder empören wir uns über diesen Rache-Gott. Und hören so wenig wie diese ägyptischen Sklaventreiber, die sich für die Herren über alle Rassen hielten, dass Gott doch schon längst seine Botschaft gesprochen hatte, dass auch sie hätten leben können. Moses sprach sie aus: Lass mein Volk ziehen! Was ist daran nicht zu verstehen? Was ist daran unbillig? Wir konntet ihr glauben, über andere Menschen herrschen zu können? Wie konntet ihr euch einreden, es sei die natürliche Ordnung, dass ihr die Herren seid und die anderen minderwertig? Ihr ward es, die gefoltert, geschlagen, gemordet habt, und zwar wider besseren Wissens. Ihr musstet doch ersaufen, weil die Herrenrasse immer im Selbstmord endet. Wer weiß das besser als wir hier aus unsrer eigenen Vergangenheit?

Das Urteil sprach nicht ein grausamer Gott. Euer Urteil spracht ihr selbst, ihr grausamen Menschen, die nur zu leben wussten, weil sie andere knechteten, quälten und töteten. Ihr habt einfach nicht gehört: Lasst mein Volk ziehen. Ihr wolltet die Freiheit einsperren. Das war so töricht wie der Versuch Leben besitzen zu wollen.

Gott hat begonnen, das Blut, das ihm gehörte, das Leben, das er allein erschafft, zu verschenken. An den Häusern seines Volkes bedeutete es Leben. Sein Sohn wird es wieder tun – heute Abend. Er verschenkt sein Blut, dass wir leben. Dieses Mal kein unschuldiges Lämmchen. Dieses Mal ein unschuldiger Mensch. Dieses Mal kein Zeichen an unsren Häusern. Dieses Mal ein Kelch, dass wir daraus trinken.

Warum fragt keiner, wie grausam wir Menschen sind, dass sogar unser Gott seinen Sohn bluten lassen muss, bevor wir unser Leben erkennen, wie gefährdet es ist, weil wir es an uns reißen, weil wir es unsrem Gott stahlen. Dass wir es nach unsrem Willen formen, foltern, ausquetschen, bis nichts mehr davon übrig ist?

Was für ein Gott, der das mit sich machen ließ, nur weil er es nicht übers Herz bringt, uns nicht am Leben zu lassen. Sondern lieber dafür blutete, und nichts ihm zurück gegeben wurde. Sondern verraten wurde und durch diese Nacht musste, aus der wir lebendig heraus kommen. Wir, nicht er! Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Pfr. Bodo Meier

Gründonnerstag

09.04.2020


Gebet:

Herr Jesus Christus, wie schwer ist es uns, dein Leiden zu verstehen und zu ertragen. Wie schwer ist es, in deinem Tod unser Heil zu erkennen.

Du hast die Bitterkeit angenommen, den Spott ertragen, die Schmerzen erduldet. Du hast den Zweifel ausgehalten, Gott vertraut, und so die Frucht des Heils reifen lassen, der wir bedürfen.

Herr, lehre uns festhalten an der Güte Gottes. Erbarme dich über alle, für die wir dich bitten:

Für alle, die dein Abendmahl heute nicht halten können, dass wir uns doch in deiner Liebe miteinander verbunden wissen. Für die wohlhabenden und notleidenden Völker, dass sie ihr Brot und was in diesen Tagen zum Leben nötig ist, miteinander teilen.

Für unsre Nächsten, mit denen wir täglich am gleichen Tisch sitzen: dass wir Zeit für ihre Fragen und Interessen haben und sie auch an unsrer Freude teilnehmen lassen.

Für die Menschen, die nach uns kommen, für unsre Kinder und Enkel: dass wir ihnen Brot hinterlassen und nicht Steine, Frieden und keinen Krieg, Liebe und keine Zwietracht.

Für die Alten und Kranken und die, die bei ihnen wachen, um gegenseitige Geduld und Liebe. Für die Sterbenden, dass sie zum ewigen Leben gestärkt werden. Für die, die um einen geliebten Menschen trauern, dass sie Trost finden und Menschen, die sich um sie kümmern.

Herr Jesus Christus, du hast deinen Leib für uns gegeben als Zeichen deiner Liebe, die uns bis heute gilt. Lass uns daran festhalten in den Zeiten der Freude, in den Zeiten der Not, in der Stunde des Todes, in der Hoffnung auf Leben. Amen


Lieder:


EG 223 Das Wort geht von dem Vater aus

1. Das Wort geht von dem Vater aus / und bleibt doch ewiglich zu Haus, / geht zu der Welten Abendzeit, / das Werk zu tun, das uns befreit.

2. Da von dem eignen Jünger gar / der Herr zum Tod verraten war, / gab er als neues Testament / den Seinen sich im Sakrament,

3. gab zwiefach sich in Wein und Brot; / sein Fleisch und Blut, getrennt im Tod, / macht durch des Mahles doppelt Teil / den ganzen Menschen satt und heil.

4. Der sich als Bruder zu uns stellt, / gibt sich als Brot zum Heil der Welt, / bezahlt im Tod das Lösegeld, / geht heim zum Thron als Siegesheld.

5. Der du am Kreuz das Heil vollbracht, / des Himmels Tür uns aufgemacht: / gib deiner Schar im Kampf und Krieg / Mut, Kraft und Hilf aus deinem Sieg.

6. Dir, Herr, der drei in Einigkeit, / sei ewig alle Herrlichkeit. / Führ uns nach Haus mit starker Hand / zum Leben in das Vaterland.



Ergänzungsheft Nr 11

1. Ich bin das Brot, / lade euch ein. / So soll es sein, / so soll es sein! / Brot linder Not, / brecht es entzwei. / So soll es sein, / so soll es sein! / Kyrie eleison, / Christe eleison, / Kyrie eleison.

2. Ich bin die Quelle, / schenk mich im Wein. / So soll es sein, / so soll es sein! / Schöpft aus der Fülle, / schenkt allen ein. / So soll es sein, / so soll es sein! / Kyrie eleison, / Christe eleison, / Kyrie eleison.

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