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Euer Himmel auf Erden wird finster, weil Menschen wieder Menschen verachten. Fangt doch an zu hören!

Eine Predigt von Pfarrer Bodo Meier.



Online-Predigt zum Pfingstfest – 31. Mai 2020



Lieder zum Anhören, Genießen und Mitsingen:


Evangelisches Gesangbuch 124: Nun bitten wir den Heiligen Geist

Link: https://www.apostel.net/lied-nun-bitten-wir-den-heiligen-ge



Evangelisches Gesangbuch 569: Zu Ostern in Jerusalem

Link: https://www.apostel.net/lied-zu-ostern-in-jerusalem



Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Am meisten freuen sich die Kinder darauf. Für sie sind es besonderer Tage. Für die Erwachsenen natürlich auch. Aber für Kinder fühlt es sich an wie ein Abenteuer: Eine Woche lang in einem Zelt! Nicht mehr im Haus, sondern im Zelt wird sieben Tage gegessen und geschlafen, gespielt und gekocht. Schawu‘ot – Das Wochenfest des jüdischen Volkes. Sieben mal sieben Tage nach dem Passah-Fest ist das Volk Israel aufgerufen, seine festen Häuser zu verlassen und draußen ein Zelt aufzuschlagen und eine Woche darin zu leben. Familien auf dem Land ziehen in ein Zelt auf ihren Wiesen und Feldern. Wer in der Kleinstadt wohnt, baut sein Zelt hinter‘m Haus im Garten auf. Wer in der Stadt eine Wohnung hat, zieht wenigstens auf den Balkon. Für Stadtkinder das Ereignis schlechthin.

Schawu‘ot ist eigentlich das jüdische Erntedankfest. Das Wohnen in Zelten wohl eine Erinnerung daran, dass einst die Bauern die ganze Erntezeit über auf den Feldern blieben, dort auch übernachteten, weil der tägliche Weg vom Dorf zu weit war. Schnell kamen aber diesem Fest immer mehr Bedeutungen zu. Natürlich dachte das Volk Israel auch an seine Wanderung durch die Wüste, als es eben auch nur draußen in Zelten wohnen konnte. Gerade vor 50 Tagen feierten sie Passah, das Fest der Befreiung und Erlösung aus aller Gefangenschaft. Wer einmal seine gewohnte Umgebung verlässt und auch nur für eine Woche seine Welt aus einem anderen Blickwinkel sieht, für den wird sogar das Vertraute neu und er wird viel Neues entdecken, vielleicht sogar in seinem eigenen Leben.

Heute sind wir Christen gerufen, Pfingsten zu feiern, sieben Wochen, rund 50 Tage nach Ostern. Doch viel Neues entdecken wir nicht mehr. Wenn in diesem Jahr überhaupt, so fahren wir am Pfingst-Wochenende doch sowieso nur an die Strände, die wir schon in- und auswendig kennen. Pfingsten wird vorüber gehen – unbemerkt und unbeachtet von den meisten unter uns. Aber wir sollten nicht in die allgemeine Klage einstimmen, dass kirchliche Feste in unserer Zeit immer mehr an Bedeutung verlieren. Das war nämlich schon immer so.

Schon das allererste Pfingstfest begann ziemlich bedeutungslos. Es schien, als ob sich die ehemaligen Jünger Jesu schon eingerichtet hatten in ihrem Leben ohne Jesus. Der Schrecken über das leere Grab, die Wiedersehensfreude mit dem Auferstandenen, seine Vollendung, als der Himmel für einen Moment offen stand – all das schien schon weit weg. Sie hatten für den Verräter Judas gerade eine neue Nummer Zwölf als Ersatz hinzu gelost, damit alles wieder seine Ordnung hatte. Aber Schawu‘ot feiern, das konnten sie offensichtlich auch nicht so recht, denn sie waren alle beisammen in einem Haus. Im Haus feiert man nicht Erntedank, da geht man hinaus auf die übervollen Felder. Irgendwie war schon beim ersten Pfingstfest die Luft raus.

Keiner konnte damit rechnen, dass Gott jetzt, heute, hier das Leben neu schaffen würde. Er tat es. Sein Brausen vom Himmel. Sein Wind in den Haaren der Jünger. Sein Geist über ihnen, dass es brannte. Sein Atem in ihnen, dass sie redeten, jubelten. Gerade eben noch saßen sie da und wussten nicht so recht, wie es weiter gehen sollte. Und jetzt waren sie voller Leben, eingehaucht von Gottes Odem, wie er einst dem Adam seinen Lebensatem gab. Sie spürten das Sausen des Windes, wussten aber nicht woher er kam, wohin er fuhr. So sprach Jesus, als er Nikodemus vom Geist Gottes erzählte. Gottes Geist war über ihnen wie einst über den Wassern der Urflut noch vor der Schöpfung. Die Jünger standen und jubelten mitten in der neuen Schöpfung Gottes. Siehe, ich mache alles neu! Es soll durch meinen Geist geschehen. Der riss sie heraus aus allem Vertrauten und ließ sie neu auf das Leben schauen. Und es fühlte sich so neu an, so lebendig, so kraftvoll, so durcheinander, so laut, dass niemand es mehr würde einfangen können und kein Tod mehr zum Schweigen bringen.

Das lockte natürlich die Massen an. Sie standen da und filmten mit ihren Handy, posteten die Fotos. Schnell verbreiteten sich Nachrichten aller Art: „Verrückte! Kranke! Die waren gefährlich! Die gehören eingesperrt! Die Welt wird immer verrückter! Unfassbar! Empörend! Nehmt die Kinder von der Straße! Wo ist die Polizei, wenn man sie braucht?“ In der Bibel steht nur: Sie sind voll von süßem Wein! Wer das Leben feiert, wer die Schöpfung in ihrer ganzen Fülle an und in sich spürt, wer die Freiheit atmet und den anderen versteht – der kann nur besoffen sein!

Ein kurzer Aufreger, vielleicht eine Notiz im Lokalblatt am nächsten Morgen, oder ein Foto, das einer vergessen hat zu löschen. Mehr erwarten wir nicht mehr vom Leben. Selbst dann nicht, wenn wir mitten drin stehen und es um uns herum saust vor Freude und braust vor Kraft und brennt vor Leidenschaft. „Die sind ja betrunken“, sagen wir und wenden uns ab und klagen lieber, dass Pfingsten ja nichts mehr bedeutet.

Dabei bedeutet es alles! Denn Pfingsten lässt uns hören! Auf das Leben hören. Hören, wie Gott diese Welt schuf und siehe, sie war sehr gut. Hören, wie Gott sein Volk in die Freiheit führte und die Frauen hören, die vom leeren Grab erzählten und vom Christus unter uns, wenn wir die Worte über Brot und Kelch hören. Hören! Sie hörten alle in ihrer eigenen Muttersprache von den großen Taten Gottes!

Hört doch endlich hin! So spricht Petrus zu den Menschen. Petrus! Der Leidenschaftliche und Bodenständige! Der Verleugner und Gotteskämpfer! Der Fischer! „Hört doch! Hört auf das Leben! Wechselt den Blick auf euer Leben. Geht aus euren Häusern, verlasst eure Gewohnheiten und entdeckt, dass das Leben immer neu ist, immer neu geschaffen. Wenn ihr hörtet, dann wüsstet ihr, dass hier und heute mit Wind und Feuer, Geist und Wort die Schöpfung neu wird. Denn es steht doch schon alles da.“

Und wie Christus, der Auferstandene, den Jüngern die Schrift auslegte, von Moses und den Propheten an, dass alles so geschehen müsse, so spricht Petrus nun nicht von sich selbst oder davon, dass er selbst ja noch den Herrn mit eigenen Augen sah. Nein, er liest aus einem alten Propheten: Joel! Hört doch hin! Alte und Junge träumen den gleichen Traum. Gemeinsam! Da steht keine Generation gegen die andere. Da werden die Alten nicht isoliert, damit die Jungen die Abstandsregel nicht mehr einhalten müssen. Gemeinsam haben wir die Hoffnung auf Leben. Seht doch euer Leben neu.

Seht den Himmel neu. Lasst euch locken auf die Felder der Lebensfrüchte eures Gottes. Er war es, der Sonne, Mond und Sterne schuf. Wie Lampen hing er sie an den Himmel. Er bereitete sie euch, dass ihr den Rhythmus des Lebens spürt. Aber ihr habt ihn verloren, nichts lässt euch mehr staunen, nichts wollt ihr mehr entdecken. Ihr schließt euer Leben in eure Häuser ein und merkt erst jetzt langsam wieder, dass eure Lebensburgen euch nicht zum Leben retten können. Euer Himmel auf Erden wird finster, sogar blutrot, weil Menschen wieder Menschen verachten. Fangt doch an zu hören. Von den großen Taten Gottes. Vom Leben. Von Versöhnung. Von Gottes neuer Schöpfung, in der kein Leid, keine Träne, ja kein Tod mehr sein wird. Pfingsten. Das Fest des Lebens, mitten im Leben. Mitten im Brausen der Schöpfung Gottes und dem Feuer unsrer Freiheit. Hört doch: Es ist Pfingsten. Amen Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfarrer Bodo Meier Predigt Apostelgeschichte 2, 1-21 Pfingstfest 31. Mai 2020



Gebet

Gott, du hast alles getan, damit wir leben! Du hast uns vergeben, du hast uns geliebt, du hast uns auf den Weg gebracht. Hilf uns, dass wir nicht verderben, was du begonnen hast. Dem Misstrauen wehre. Das Missverstehen brich auf. Dem Hass entzieh' den Boden. Hilf uns hören, zuhören, aufhorchen. Hilf uns nachdenken, umdenken, verstehen. Schenke uns Freude an bisher gehörten Worten und an fremden Gesichtern. Mit Geduld rüste uns aus, mit dem Willen zum Widerspruch zur rechten Zeit und zum Schweigen rüste uns aus. Und denen, die deinen Trost nicht spüren, sei nahe mit deinem Segen. Amen.


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