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Er tut eben doch etwas.

Aktualisiert: Juli 20

Eine Predigt von Pfarrer Michael Siol.



Online-Predigt zum sechsten Sonntag nach Trinitatis – 19. Juli 2020

Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Liebe Gemeinde,

Sie gehen spazieren. Ihnen kommt ein Hund entgegen, der beschnuppert oder begrüßt Sie, dann sagt der dazugehörige Zweibeiner mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit folgenden Satz zu Ihnen: „Der ist ganz lieb.“ Und der nächste Satz ist – entweder „der will nur spielen“, oder „der tut nichts“.

Denn in diesem Zusammenhang wird „lieb zu sein“ gerne verbunden mit „nur spielen zu wollen“ oder eben „nichts zu tun“.


Lieber Gott“ ist sicher eine der häufigsten Anreden, wenn Menschen mit Gott, oder über Gott sprechen. Lieb – der will nur spielen – der tut nichts.


Dass die Bibel nicht immer nur vom „lieben“ Gott berichtet, wissen wir. Aber es ist für uns irgendwie auch ein unbequemes Wissen, dass der selbe Gott, den ich mit „lieber Gott“ anspreche, von sich selbst sagt: „Ich bin ein eifersüchtiger Gott“. Dass er Völker ausrottet und Menschen im Meer ersäuft. So gar nicht lieb. Der will nicht nur spielen. Und der tut eben doch etwas.


Der heutige Predigttext ist genau aus so einem Zusammenhang: Der eifersüchtige Gott fordert sein Volk Israel auf: So sollt ihr mit den Völkern in Kanaan umgehen: Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen. – Wenn das nicht ein Zitat aus der Bibel wäre, dürfte man so etwas überhaupt nicht öffentlich sagen.


Weiter geht‘s:

6 Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9 So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat,


Der vorgeschlagene Predigttext bricht dann mitten in diesem Satz ab, der weiter geht:

„und wird dich lieben und segnen und mehren, und er wird segnen die Frucht deines Leibes und den Ertrag deines Ackers, dein Getreide, Wein und Öl, und das Jungvieh deiner Kühe und deiner Schafe in dem Lande, das er dir geben wird, wie er deinen Vätern geschworen hat.“

Kurz gesagt: Ohne Gott sei alles furchtbar und schrecklich. Mit Gott sei alles gut. Wir wissen, dass das nicht stimmt. Wir wissen, dass gottesfürchtige Menschen vom Schrecklichen genau so getroffen werden, wie gottlose. Und wir wissen, dass gottlose Menschen genau so dazu in der Lage sind Gutes zu tun, wie andere. Ob jemand eine gute Ernte hat, Glück im Leben, ob jemand nett ist, ob jemand glücklich ist, hängt doch aller aufgeklärten Erkenntnis nach nicht damit zusammen, dass jemand an Gott glaubt oder sich an seine Gebote hält.

Was machen wir dann mit so einem Abschnitt aus der Bibel, wo das knallhart so behauptet wird? Manche sagen, das sei ja im Alten Testament und deshalb nicht mehr so richtig gültig. Außerdem seien diese Texte ja an Israel gerichtet. Und wir sind ja weder Israel, das erwählte Volk, noch eines der Völker, mit denen Israel bis heute um das gelobte Land konkurriert. Dieser Text sei nicht an uns adressiert, sowieso viele tausend Jahre alt, durch Jesus längst überholt und überhaupt in seinem völkischen Denken uns doch völlig fremd.

Dann frage ich: Stimmt das denn? Ist uns das wirklich so völlig fremd? Dass man meint, das eigene Volk sei irgendwie überlegen? Der Fleiß des eigenen Volkes irgendwie mehr wert, die eigene Kultur und Sprache unbedingt schützenswert gegenüber fremden Einflüssen, der eigene Glaube besser und dem Glauben der anderen überlegen? Das sind genau die Gedanken, die hinter den drastischen Worten dieses Textes stecken – und ich wage mal zu sagen: So fremd ist uns das gar nicht.


Und das ist auch nicht erstaunlich, denn was beschrieben wird, ist auch unsere Geschichte, wenn auch nicht unsere direkten Vorfahren, so doch ein Stück Geschichte der Menschheit und ein Stück unserer Glaubensgeschichte.

Paulus erklärt den Zusammenhang von Judentum und Christentum im Römerbrief [Kapitel 11] mit dem Bild von einem Baum: Das Volk Israel ist wie ein edler Ölbaum, den Gott gepflanzt hat. Das Christentum stand irgendwo wildwüchsig herum. Dann kam Jesus und hat die Völker, die mit Gottes Heilsgeschichte nichts zu tun hatten, auf diesen edlen Ölbaum aufgepfropft. Nun haben wir Christinnen und Christen als Hinzugekommene Anteil an Gottes Heilsgeschichte. Die Geschichten Israels, die Geschichten des älteren Testaments sind die Geschichten unseres Baums, bevor wir auf ihn aufgepfropft worden sind – jetzt unser gemeinsamer Stamm unsere gemeinsamen Wurzeln.

Und in dem Moment, wo ich sage: Diese alten Geschichten sind doch nicht so wichtig, haue ich mir selbst die Wurzeln ab und Sie wissen, was dann passiert…


Der Baum hat keinen Halt, keine Versorgung und kippt um. Und genau so ist das mit dem christlichen Glauben ohne jüdische Wurzeln. Wenn ich sage, die Wurzeln sind nicht so wichtig, weil die ja schließlich alt und aus einer fremden Zeit sind, ist es eins zu sagen: Der Rest ist auch nicht so wichtig, weil die ganze Jesusgeschichte und das, was Paulus geschrieben hat, ja ehrlich gesagt auch ziemlich alt und aus einer fremden Zeit ist und ursprünglich nicht an uns adressiert war.

Wie gehen wir nun um mit dieser Geschichte, unseren Wurzeln, – gerade wenn sie unbequem sind und dieses Bild vom intoleranten und gewalttätigen Gott so gar nicht zu den Blättern und Früchten passt, die wir so gerne an unserem Glaubensbaum sehen?


Ich nähere mich dieser Frage mit einem Witz:

Ein frommer Jude betet zu Gott: „Hilf mir, mein Sohn ist Christ geworden!“ Sagt Gott: „Ja, und; meiner auch!“ Sagt der Jude: „Und was hast du dann gemacht?“ Antwortete ihm Gott: „Ich habe ein Neues Testament geschrieben.“


In diesem Witz steckt etwas Wahres drin: Gott überdenkt sein Handeln und reagiert auf das, was Menschen tun. Von Beispielen dafür ist die Bibel von Anfang bis Ende, von der Paradiesgeschichte bis zur Offenbarung voll. Und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie schon mal selbst so ein Beispiel erlebt haben, wo Gott auf Ihr Handeln auf Ihr Beten reagiert hat und die Geschichte anders weiter gegangen ist. Denn Gott schreibt seine Geschichte mit uns weiter.


Und in dieser Geschichte bedeutet Jesus für uns den Wendepunkt. Er ist der, durch den wir überhaupt hineinkommen in die Geschichte Gottes mit Israel. Er selbst kommt in diese Geschichte der Menschheit hinein und an ihm können wir sehen und lernen, wie man mit seiner Geschichte umgeht. Ein ganz berühmtes Beispiel dafür ist die Bergpredigt.

Da zitiert Jesus Verse aus dem Alten Testament und schreibt die Geschichte weiter, denkt die Verse weiter in seine Gegenwart hinein. „Ihr habt gehört, dass den Alten gesagt worden ist ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘. Ich aber sage euch, dass ihr euch dem Bösen nicht widersetzen sollt…“

Jesus nimmt die Texte der jüdischen Bibel, die Geschichte, unsere Wurzeln, ernst, zitiert sie, lässt sie stehen, aber er lässt sie nicht unkommentiert. Er sagt, was aus seiner Sicht in seiner Zeit dazu zu sagen ist und stellt seine Sicht anderen zur Verfügung. Er nimmt die Texte ernst, er nimmt die Geschichte ernst, die ihn und seinen Glauben hervorgebracht hat, aber genau so ernst nimmt er seine Gegenwart und fragt, was heute dran ist. Geschichte bedeutet für Jesus und auch für Gott kein „Weiter so“, kein „Das haben wir immer schon so gemacht“, kein „Das ist eh schon alles beschlossene Sache“, sondern immer wieder die Frage „Was ist heute dran?“ und damit auch immer wieder die Chance zum neuen Anfang. Das Völkermorden, das damals aus einer bestimmten Perspektive heraus als richtig dargestellt wird, ist aus heutiger Perspektive falsch.


Jesus lehrt uns kritisch mit Geschichte umzugehen. Das ist auch vorbildlich, wenn wir auf unserer ureigene Geschichte gucken, die uns hervorgebracht hat.


Zum Beispiel als Deutsche: Wir können nichts für die Geschichte, die vor uns war. Aber mit Jesus auf die Geschichte zu gucken bedeutet sie wahrzunehmen, sie ernst nehmen, sie stehen zu lassen, aber sie zu kommentieren und zu fragen, welche Schlüsse wir daraus für heute ziehen.

Zum Beispiel als Christinnen und Christen und Kirchenmitglieder: Wir können nichts für die Geschichte unserer Kirche. Wir können nichts für die Geschichte des Volkes Israel und auch nicht für die Kreuzzüge. Mit Jesus auf diese Geschichte zu schauen bedeutet auch da sie wahrzunehmen, sie ernstzunehmen, sie stehen zu lassen, aber sie zu kommentieren und neu danach zu fragen, was wir heute aus unseren Wurzeln machen.


Und für Ihre eigene und meine eigene persönliche Lebensgeschichte gilt das genau so. Wir können nichts dafür und vor allem können wir auch nicht ändern, was in der Vergangenheit war und was uns geprägt hat – ob Privileg oder Bürde. Mit Jesus gemeinsam auf mein Leben zu schauen bedeutet ihm mein Leben zu zeigen und dann genau so: wahrnehmen, ernst nehmen, stehen lassen, kommentieren was war. Und fragen wie es jetzt weiter geht. Kein automatisches Weiter-so, sondern neu die Frage: Was ist heute dran?


Und dabei hat die Frage danach, wie es immer war, durchaus ihre Berechtigung; aber sie ist eben nur die halbe Frage. Die andere Hälfte ist, was wir heute daraus machen. Und das gilt unabhängig davon, ob ich als Deutscher nach meiner Geschichte frage, als Christ nach der Geschichte der Kirche, oder ganz persönlich nach meiner eigenen Lebensgeschichte, die mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Wahrnehmen, ernst nehmen, das Unbequeme stehen lassen und dann beantworten, was das für heute und für morgen bedeutet.

Und dann stelle ich beim Blick zurück vielleicht fest: Gott war auch zu mir nicht immer nur lieb. Er wollte nicht nur spielen, sondern – und darin liegt die Verheißung in dieser unbequemen Wahrheit; die Verheißung für das, was jetzt vor Ihnen liegt – Er tut eben doch etwas.

Amen.


Predigt in der Apostelkirche Herscheid am 19. Juli 2020

zum 6. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext: Deuteronomium 7, 6-12

Pfarrer Michael Siol


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