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Die an ihn glauben, denen wird Jesu zur frohen Botschaft der Liebe und der Versöhnung

Eine Predigt von Pfarrer Bodo Meier.



Online-Predigt zum zehnten Sonntag nach Trinitatis – 16. August 2020



Predigt in Schriftform zum Nachlesen:


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Niemand litt darunter mehr als er. Er wurde schier verrückt, wenn er daran dachte. Und er dachte täglich daran. Jeden Tag erfuhr er, erlebte er die Zerreißprobe für sein Volk, seine Gemeinde und für sich persönlich. Der Riss ging mitten durch sein Herz hindurch.


Er wusste, was Verfolgung heißt. Er wusste, wie es sich anfühlt, vor Gericht zu stehen um seines Glaubens willen. Er kannte die Gefahr der Überheblichkeit im eigenen Glaubensbekenntnis: „Ich habe recht und ihr nicht!“ Schließlich kannte er jede Seite: die des Verfolgers und des Verfolgten.

Nun, auf seine alten Tage war er der Gefangene, weil er sich zu Jesus Christus hielt. Ja, richtig, er war getauft auf den Namen Jesu Christi. Paulus war Jude.


Er hat nie aufgehört, einer zu sein. Wie auch? Er war geboren als Spross des israelitischen Stammes Benjamin. Er war Intellektueller, Gelehrter, Pharisäer sogar. Er gehörte der frommen Oberschicht der Juden an. Er genoss Ansehen und Respekt. Und bei Gott, er war nie einer von den Heuchlern, die Jesus in seinen Predigten so scharf angriff. Er war aufrecht. So aufrecht, dass er sich Haftbefehle des Hohen Rates besorgte, diese neue abtrünnige Sekte zu verfolgen und zu verhaften.


Er hatte sogar Gefallen daran, wenn diese Christen – seine eigenen Landsleute – dabei zu Tode kamen. Israel war das erwählte Volk Gottes. Der Messias, wenn er kommt, wird sich ganz Israel offenbaren. Nicht nur irgendwelchen Irregeleiteten einer kleinen Sekte.


Jetzt – als er dasitzt, seinen letzten Brief zu schreiben – seinen Brief an die Gemeinde in Rom, erkennt er: Es hat sich auch nichts geändert. Das Volk Israel ist und bleibt das erwählte und geliebte Volk Gottes. Und doch ist alles, wirklich alles anders geworden. Gottes Wege sind nicht zu begreifen. Und die Menschen begreifen sie auch nicht – nicht das Volk Israel und nicht die Gemeinde Jesu Christi. Es war zum Verrücktwerden.


Schließlich ist er selbst ja einst ver-rückt worden, von Gott selbst: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Der Messias hatte sich ihm offenbart, der Christus. Zweifel unmöglich. Es hatte ihn erwischt, ihn den Pharisäer aus dem Stamm Benjamin. Wenn der Messias ruft, folgst du ihm und verfolgst nicht mehr die, die glauben.


Paulus fiel es wie Schuppen von den Augen: Der Gott Israels hat seinen Sohn in die Welt gesandt, ihnen eine Hoffnung zu geben, die nicht mehr zerstört werden kann. Diese Hoffnung würde es sein, die Gottes Reich vorweg nimmt, geschehen lässt mitten unter uns. Es ist die Hoffnung auf Gottes Reich, die die Menschen leben lässt schon hier und jetzt. Diese Hoffnung ist gewiss, so als sei sie schon erfüllt, wenngleich die neue Schöpfung Gottes noch aussteht.

Das ist die Botschaft des Messias.


Das ist der Sinn seines Todes – die Liebe, die alles trägt, auch unsere Schuld erträgt, auch den Tod hinnimmt. Das ist der Sinn seiner Auferstehung. Die Hoffnung lebt, wird leben und wird schon wahr, wenn Menschen sie hier bezeugen.


Und wenn das so ist, wenn der Messias Hoffnung auf Leben schenkt im Hier und Jetzt, dann ist diese Hoffnung auf Gottes Reich allein Gottes Werk, allein Gottes Tat der Liebe. Allein ihm gebührt Ruhm und Ehre. Dann hat kein Mensch mehr etwas, worauf er sich berufen kann, noch nicht einmal seine Herkunft, so stolz er auch darauf ist. Dann hat niemand einen Vorzug vor einem anderen. Kein Volk und kein Glaube. Es ist allein Gott, der Leben möglich macht. Alle ohne Unterschied können nur auf seine grundlose Barmherzigkeit hoffen.


Getauft sprach Paulus so sein Leben lang. Aber es hat nichts genutzt. Bis heute tun Christen so, als hätten sie allein Gott auf ihrer Seite, als hätten sie die Juden in der Heilsgeschichte überholt und abgelöst. Schon wieder verachten Christen Juden. Paulus wusste, wie gefährdet die Christen sind, damit ihren eigenen Gott zu verraten, war doch auch er einst Verfolger und erlag dem Wahn der „einzig wahren Religion“. Wie eine Art Testament schreibt er davon im ebenso berühmten, wie komplizierten Römerbrief. Drei ganze Kapitel widmet er diesem Thema. Der Schluss davon, eine Zusammenfassung, Kapitel 11, klingt so:

„Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“

Paulus schreibt uns Christen ins Stammbuch: Haltet euch nicht für klug. Menschen können die Wahrheit nicht besitzen, schon gar nicht ausschließlich für sich selbst beanspruchen. Nur Gott ist Wahrheit. Niemand aber besitzt Gott. In geradezu prophetischer Vollmacht verkündet Paulus: Ja, Jesus ist der Christus. Die an ihn glauben, denen wird Jesu Botschaft zum Evangelium, zur frohen Botschaft der Liebe und der Versöhnung, der Vollendung des Gottesreiches am Ende aller Zeiten und jetzt schon im Zeugnis der Propheten und derer, die ihm nachfolgen.


So wie seine Botschaft an Abraham, Isaak und Jakob ging, offenbart dem Mose im Dornbusch, dem Volks Israel am Sinai. Ja, Jesus Christus ist denen der verheißene Messias, die Gottes Geist zu seinem Volk hinzu ruft und mit ihm glauben, dass Gottes Wort seit den Tagen der ersten Schöpfung sein Reich verheißt, in dem Not und Tod für alles Volk und alle Zeit überwunden sein werden.


Israel gehört die Gotteskindschaft, die Herrlichkeit, die Verheißungen, die Bundesschlüsse, das Gesetz, der Gottesdienst und die Väter und Mütter im Glauben – schreibt Paulus. Der getaufte Paulus erkennt, dass Christus des Gesetzes Ende ist, weil er die Liebe aller Welt offenbarte, mit der Gott Israel erwählte. Das aber – des Gesetzes Ende – schaut Israel erst am Ende der Tage, da es den Messias erwartet, dann, wenn Christen ihren Herrn wieder erwarten.


An diesem Unterschied zerbricht Paulus fast – und ist doch die Klammer, die – Juden und Christen nicht zusammen hält oder gar zusammen bringt – aber doch uns Christen staunen lässt, wie Gott seiner Geschichte mit seinem Volk treu bleibt und Israel der Heiligen Schrift nicht untreu wird, wenn es uns Christen den Weg die Wahrheit und das Leben über Jesus von Nazareth lässt, den wir als Christus glauben. Es ist ein Gott.


Es ist eine Geschichte. Es ist eine Heilige Schrift. Denn nichts steht im Neuen Testament der Christen, was nicht schon in der Heiligen Schrift Israels, unserem Alten Testament steht – außer einem Namen: Jesus von Nazareth. Dem Paulus als Christus offenbart. So auch uns.


Gelobt sei Gott, dessen Liebe uns in die Geschichte und Verheißung seines Volkes rief. Amen.


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Pfarrer Bodo Meier

Römer 11, 25-32

Zehnter Sonntag nach Trinitatis

16. August 2020


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