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Der Gaukler

Ein Gedanke von Waltraud (Walli) Schöttler.



Auf verschiedene Weisen miteinander verbunden

Diese Geschichte möchte ich teilen, weil sie meines Erachtens so schön anschaulich zeigt, dass wir Gott nicht nur auf wenigen, bekannten Wegen dienen und loben beziehungsweise mit ihm in Verbindung stehen können:


Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. Da gab er all seine Habe den Armen und trat in das Kloster zu Clairveaux ein. Aber weil er sein Leben bis dahin mit Springen, Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte,

war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalter zu singen. So ging er stumm daher, und wenn er sah, wie jemand des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit im Chor sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein, er konnte nichts. “Was tust du hier?“, sprach er zu sich, „ich weiß nicht zu beten und kann keine sinnvollen Worte machen. Ich bin hier unnütz und der Kutte nicht wert, in die man mich kleidete.“


In seinem Gram flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Chorgebet rief, in eine abgelegene Kapelle. „Wenn ich schon nicht mitbeten kann im Konvent der Mönche“, sagte er vor sich hin, „so will ich doch tun, was ich kann.“ Rasch streifte er das Mönchsgewand ab und stand da in seinem bunten Röckchen, in dem er als Gaukler umhergezogen war. Und während vom hohen Chor die Psalmgebete herüberwehten, begann er mit Leib und Seele zu tanzen, vor- und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben.


So lange wie das Chorgebet der Mönche dauert, tanzt er ununterbrochen, bis ihm der Atem verschlägt und die Glieder ihren Dienst versagen. Ein Mönch aber war ihm gefolgt und hatte durch ein Fenster seine Tanzsprünge mitangesehen und heimlich den Abt geholt. Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen. Der Arme erschrak zutiefst und glaubte, er solle des verpassten Gebetes wegen bestraft werden.


Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach: „Ich weiß, Herr, dass hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld den Staub der Straße wieder ertragen.“ Doch der Abt neigte sich vor ihm, küsste ihn und bat ihn, für ihn und alle Mönche zu beten: „In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge Gott alle Worte verzeihen, die über unsere Lippen gekommen sind, ohne dass unser Herz dabei gewesen ist.“


(Französische Legende)

Quelle: www.himmelsschluessel.de



Wo uns zurzeit die Gottesdienstfeiern fehlen, gibt es vielleicht die Chance solche anderen Wege zu entdecken oder zu vertiefen. Es muss ja nicht das Tanzen sein, vielleicht reicht schon das (stille) persönliche Gebet zu den unterschiedlichsten Tageszeiten oder in Ruhe Gottes Wort zu lesen und darüber nachzudenken.

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